Friedrich Ani – Die unterirdische Sonne
Selina Rameder – Filiale Schönbrunner Straße

Was waren die Erwartungen groß, als ich "Die Unterirdische Sonne" in Händen hielt! Ein Jugendbuch mit einer Altersfreigabe ab 16, das ist so rar, dass das Buch einfach schockierend gut sein muss. "Einzigartig im deutschen Sprachraum", schreibt das Hamburger Abendblatt. "Wer seine Geschichten liest, lernt anders denken."
Ich persönlich kann darin nur triefenden Zynismus interpretieren und zwar aus folgenden drei vernichtenden Gründen:

Erstens: Dafür, dass dieses Buch mit "ab 16" gewertet wurde, passiert fast das gesamte Buch über nichts Spannendes. Zwar werden die Kinder immer mal wieder abgeholt und ihnen werden auch unbekannte Dinge angetan, jedoch werden die besagten Details nie erzählt oder geschildert. Selbst als die Kinder sich ihre "Geschichte" erzählen, bleiben die Taten unausgesprochen bzw. geschrieben. Gibt es etwas Schlimmeres in einem Thriller, als den Lesern nie eine Auflösung, kein "Warum" und "Wie" zu präsentieren? Und so etwas verdient ein "ab 16"? Da haben mich schon Kinderbücher ab 10 mehr gegruselt.
Zweitens: In einem Jugendthriller ab 16 erwartet man Jugendliche, richtig? In diesem Fall ist das Alter zwischen 11 und 18 gestreut, doch keines der Kinder benimmt sich sonderlich reif. Stattdessen verbringen sie den lieben langen Tag damit, zu heulen, zu jammern, zu wimmern, sich gegenseitig anzufahren und Belanglosigkeiten zu erzählen. Der gesamte Inhalt des Buches behandelt die sinnfreien Ergüsse dieser zermürbten, verängstigten Kinder. Dazu kommen der Dialekt einiger Charaktere und der fliegende Wechsel der Ich-Perspektiven, was nicht nur verwirrt sondern grundlegend verärgert. Obwohl die Kinder nonstop zu Tode geängstigt sind, war ich an keinem Punkt des Buches gebannt davon, dafür fehlt es an allem: Tiefe, Sinn und einem authentischen Schreibstil.
Drittens: "Wer seine Geschichten liest, lernt anders denken." Anders denke ich nun ganz bestimmt über diesen Autor und sein Armutszeugnis von einem Jugendthriller. Die einzige Lehre, die ich in diesem Werk finden konnte, ist, dass man erst aus seiner Lethargie erwacht und kämpft, wenn das Feuer schon am Brennen ist und man nichts mehr zu verlieren hat. Herrlich, die Anspielung auf die Zombies der heutigen Zeit, denen die Probleme der Welt herzlich egal sind.

Mein Fazit: "Die unterirdische Sonne" ist eine Abhandlung von verblödetem Geschwafel angstzerfressener Kinder ohne Spannung, Sinn und Zweck. Reine Zeitverschwendung.

Friedrich Ani – Die unterirdische Sonne
Cbt; € 17,50
Samantha Shannon - The Bone Season. Die Träumerin
Patrycja Pilarska – Filiale Keplerplatz

Vielversprechend klang diese Geschichte bereits vor dem Erscheinen und als das Buch endlich da war, schien es auch zu halten was es versprochen hatte. Diese neue Welt voller Magier, Medien und Hellseher, sowie einer Regierung, die diese gnadenlos jagt; die Universitätsstadt Oxford, die zu einem Drillcamp umfunktioniert wurde – das schien noch spannend zu werden.

Leider hat mir die Hauptprotagonistin – Paige – alles kaputt gemacht, ihre kindische, kratzbürstige Ader, die jeder Logik entbehrenden Handlungen und auch ihre „tragische“ Vergangenheit, lassen alles, was an guten Ideen vorhanden war, verblassen.

Die Beschreibung der Gefühle in diesem Buch gleicht der ersten Grimasse, die man nach einer Botox-Behandlung ziehen möchte: entweder vollkommen entstellt und unauthentisch oder zwar da, aber nicht fühl- oder sichtbar.

Die zwei Figuren, die noch am interessantesten anmuten sind der Wächter Arcturus und der Denkerfürst Jaxon. Leider kommt Jax in diesem ersten Teil selten vor und der Wächter macht zum Schluss eine merkwürdige Wandlung -von vernünftig, freundlich und besonnen zu liebeskrank, hormongesteuert und jede Vorsicht über Bord werfend - durch, was mein Interesse an ihm schlagartig erlöschen ließ.

Dass der Klappentext eher zu einem Erotikroman als zu einem Urban-Fantasy-Buch für Jugendliche passen würde, hat meine Meinung auch nicht gerade gehoben.

Samantha Shannon - The Bone Season. Die Träumerin
Berlin Verlag; € 17,50
Alexander Schimmelbusch - Die Murau Identität
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße


Die Annahme, Thomas Bernhard hätte seinen Tod bloß inszeniert und lebt heute unter einem Pseudonym auf Mallorca ist vielversprechend. Auch die Figur des Schriftstellers ist (naturgemäß mangels besseren Wissens) ganz gut gezeichnet, tritt aber zu selten in Erscheinung. Das Peter Handke - Bashing wird dagegen sehr intensiv betrieben (sogar Salman Rushdie lästert mit). Erzählerisch passiert nicht viel: ein Journalist erhält einen geheimnisvollen Reisebericht und begibt sich auf die Suche nach Thomas Bernhard alias Franz-Josef Murau. Wer sich dies als spannende Schnitzeljagd vorstellt, wird aber schnell enttäuscht.

Der Autor will bissig sein, provozierend und schelmisch (das kennt man doch von ... ?!), was herauskommt ist meist langweilig und oft peinlich. Richtig abgründig wird es beim sexuellen Intermezzo mit einer amerikanischen Zollbeamtin (während vor den fucky sucky - Prostituierten dann doch die Flucht ergriffen wird).

Legt es Schimmelbusch auf die Schlagzeile "Das hat er sich nicht verdient!" an, oder soll man tiefgehender argumentieren? Bitte: In dem großartigen Bernhard-Text "Gehen" passiert in einem Absatz mehr als in der ganzen "Murau Identität"! Diese Pointe würde er als Bernhard-Experte bestimmt verstehen, wird doch im Roman so tiefgründig analysiert, dass "Holzfällen" in Wahrheit ein Selbstportrait sei. Ohne die persönlichen Verhältnisse von A. Schimmelbusch zu kennen (oder mich für sein Verhältnis zu (Ex-)Frauen zu interessieren), scheint das doch vielmehr auf manche Passagen in dessen Buch zuzutreffen - weil (oder eher: obwohl) aus der Ich-Perspektive erzählt wird und der Journalist tatsächlich Schimmelbusch heißt.

Außerdem sollte, so oft, wie hier "Römerquelle" getrunken wird, in der Einleitung stehen: "Unterstützt durch Produktplatzierung"


Alexander Schimmelbusch - Die Murau Identität
Metrolit; € 18,50
Dea Loher - Bugatti taucht auf
Christine Stohl - Filiale Graben

Lea Dohers Romandebüt „Bugatti taucht auf“ beschreibt ein Stück Automobilgeschichte ebenso wie den brutalen Kampf zwischen Jugendlichen heutzutage, bei dem das Gespür dafür, wann man eine Rangelei beenden sollte, abhanden gekommen ist.

Ausgehend von der Bergung eines Bugatti Royale aus einem Schweizer See im Jahre 2009, gliedert sich der Roman in drei Teile.

Den ersten Teil bilden die Tagebuchaufzeichnungen des berühmten Bildhauers Rembrandt Bugatti. Man fragt sich als Leser tatsächlich, ob es sich um „echte“, zitierte Tagebucheinträge handelt oder um eine perfekte Imitation davon.

Der zweite Teil hat eine Schlägerei unter Jugendlichen zum Thema, bei der ein Junge verunglückt. Aussagen vor Gericht vorweg nehmend, erfährt der Leser so, was sich bei diesem Vorfall zugetragen haben mag. Sprachlich ein genialer Kniff mit dem Effekt, dass man hinterfragt, wie zuverlässig Erinnerungen tatsächlich sind. Zu lange beibehalten, wirkt der nüchterne Schreibstil allerdings doch langatmig.

Im dritten Teil wird der jahrzehntelang in den Tiefen eines Sees vermutete Oldtimer des Typs Bugatti 22 endlich an Land gezogen.

Fazit: Sprachlich experimentell, historisch fundiert und ein Thema, aus dem man noch viel mehr hätte rausholen können! Wer in eine Geschichte voll eintauchen möchte, wird eher enttäuscht.

Dea Loher - Bugatti taucht auf
Wallstein; € 20,50
Christoph Marzi – Die wundersame Geschichte der Faye Archer
Patrycja Pilarska – Filiale Praterstern

Ich lese viele Bücher, die ich nicht wirklich als schlecht, aber auch leider nicht als supertoll bezeichnen kann. Bei diesem hier hatte ich keine Zweifel: es gefällt mir nicht.

Die Geschichte war anfangs wirklich zauberhaft, Faye ein wenig abgedreht, aber einzigartig und liebenswert. Sie arbeitet in einer Buchhandlung und komponiert in ihrer Freizeit.
Als ein Kunde in der Buchhandlung sein Notizbuch vergisst, fühlt sie sich auf geradezu gespenstische Weise zu ihm hingezogen. Sie sucht auf gut Glück auf Facebook nach dem Namen aus dem Notizbuch und tatsächlich schreibt Alex Hobdon zurück.

So weit so gut. Dann wird es seltsam und bleibt es bis zum Schluss. Nichts gegen fantastische Elemente in Büchern, aber diese Geschichte wirkt so zusammengeschnitten und seltsam, die Beziehung zwischen Faye und Alex verkorkst und unglaubhaft und das Ende…werde ich nicht verraten, aber es hat mich nur noch darin bestärkt: es gefällt mir nicht.

Zugute halten muss ich Herrn Marzi, dass er einen wunderschönen Schreibstil hat und die Charaktere auf wirklich sympathische, unaufdringliche Weise auf die Buy-Local Vorteile hinweisen lässt.

Es bilde sich jedoch ein jeder selbst seine Meinung.

Christoph Marzi – Die wundersame Geschichte der Faye Archer
Heyne; € 15,50
Richard Kropf - Leider Geil! 55 Dinge, die wir nicht täten, wenn sie nicht so viel Spaß machen würden
Sarah Schramm - Filiale Graben

Eines muss ich vorweg sagen: Ich war schon kein Fan des Liedes von Deichkind. Dennoch habe ich mich redlich bemüht objektiv ins Buch hineinzulesen. Ich habe es trotz mehrmaligem Durchblättern entnervt auf den „Bitte nicht!“- Stapel gelegt.

Nun bin ich durchaus auch für Humor zu haben, der bequem unter der Tür durchpasst. Aber dieses Buch ist....verzeihen Sie die kindische Beschreibung......schlicht und ergreifend doof. Man möchte den Finger beim Tippen des Wortes “doof“ am liebsten drei Minuten auf der “o“- Taste ruhen lassen.
Man führe sich bitte einmal folgende Kostprobe zu Gemüte:

„Leider geil nur für Männer: Im Stehen pinkeln“
Die Begründung folgt auf dem Fuße:
„Leider geil weil: Aaaaaah!“


Der Rest der Tipps, ist nicht minder kreativ. Danke nein, da weiß ich meine Freizeit besser aufzupeppen und mein Hirn sinnvoller zu bespaßen. „Leider geil“ ist dieses Buch wirklich nicht!

Richard Kropf - Leider Geil! 55 Dinge, die wir nicht täten, wenn sie nicht so viel Spaß machen würden
Ullstein; € 9,30
Luca Di Fulvio - Das Mädchen, das den Himmel berührte
Patrycja Pilarska - Filiale Praterstern

Nach dem „Jungen der Träume schenkte“ habe ich darauf gebrannt das neue Buch von Luca Di Fulvio endlich in die Finger zu bekommen. Nachdem es erschienen ist, habe ich alle anderen Bücher hintangereiht, die ebenfalls auf meiner endlosen Leseliste standen…und habe es bereut. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht schlecht - aber ich habe großes erwartet, beeindruckendes, besseres. Die Geschichte hat alles, Liebe, Eifersucht, Glück, Schicksalsschläge, Hoffnung, Mord, Zwietracht, politische und religiöse Konflikte in den richtigen Proportionen, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und durch gute Erzählkunst verbunden. Der Mix aus historischem Roman, Liebesgeschichte und packendem Thriller hat mich 600 Seiten lang wirklich in Atem gehalten und schien wirklich zu sein was ich mir erhofft hatte…allerdings hat das Buch noch 400 weitere Seiten und mehr brauchte es auch nicht, um meine Hoffnungen an die Wand zu fahren.


„Das Mädchen, das den Himmel berührte“ hat es vielleicht nicht verdient in der Rubrik Buchwarnung zu landen, aber es ist der Ausdruck meiner enttäuschten Erwartungen, was jene verstehen werden, die „Der Junge der Träume schenkte“ ebenso geliebt haben, wie ich.

Luca Di Fulvio - Das Mädchen, das den Himmel berührte
Bastei Lübbe; € 10,30
Mark Perry - Unvergessliche Tierschicksale
Selina Rameder - Filiale Kärntner Straße

„Jöö!“, dachte ich mir, als ich dieses Buch in Händen hielt, „bewegende Geschichten über gerettete Tiere! Das lässt das Herz eines jeden Tierliebhabers höher schlagen!“
Zumindest so lange, bis ich in das erste Tierschicksal hineinlas und das Buch mit vor Unmut verzerrtem Gesicht sinken ließ.
Was sich die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hier geleistet hat, kann ich nur als „Bildband mit etwas Werbung und ohne literarischen Inhalt“ beschreiben.
Das beginnt schon einmal damit, dass es keine richtigen Geschichten sind, sondern ein bis zwei Seiten kurze Erzählungen inklusive Steckbrief, die ungefähr so ablaufen: Das Tier fristet ein bedauerliches Dasein, dann erscheint der weiße Ritter in Form eines Vier-Pfoten-Aktivisten, rettet das Tier, und fortan lebt es glücklich und zufrieden auf saftigen Wiesen mit glitzernden Teichen. Dass der Verfasser sich dazu entschieden hat, zum Teil aus der Sicht des armen Tieres zu schreiben, macht die Sache nur noch schlimmer. „Warum haben mir die Menschen das nur angetan?“, denkt sich das kleine Fohlen und wird im Off darüber belehrt, dass es nicht wissen kann, dass manche Menschen einfach böse sind.
Ein „Lesevergnügen für die ganze Familie“ darf man als „für kleine Kinder geeignet“ interpretieren, denn mehr gibt dieser Text schlichtweg nicht her.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich wirklich nichts gegen Vier Pfoten habe, und sie großartige Arbeit im Tierschutz leisten! Doch als Buchhändlerin kann ich dieses Buch nur empfehlen, wenn man Vier Pfoten unbedingt eine Spende zukommen lassen möchte und sich dafür einen netten Bildband ins Regal stellen kann. Aber nicht als Lektüre.

Mark Perry - Unvergessliche Tierschicksale
Braumüller; € 25.-
René Freund - Liebe unter Fischen
Martina Wallner - Filiale Graben

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Und wer, wie ich, diesem ersten Eindruck folgt und sofort die, vom Verlag durchaus beabsichtigte, Assoziation hat: „Ah, schreibt wie der – eh’ schon wissen“, der wird bitter enttäuscht. Denn so wie zwei zarte Sonnenstrahlen noch keinen Frühling machen, verspricht auch der verheißungsvoll himmelblau gestaltete Umschlag noch keine wolkenfreie Lektüre.

Die klischeebehaftete Geschichte schildert die Rückkehr des ins Burnout abgedrifteten Lyrikers Fred Firneis (allein der Name hätte Warnung genug sein sollen…) ins normale Leben. Dieses ist schön, unbeschwert und wird ihm nicht zuletzt durch seine Verlegerin schmackhaft gemacht, die ihr bestes Pferd im Stall wieder glücklich sehen möchte und dabei nichts unversucht lässt.
So weit, so schlecht.

Was danach folgt, ist an Vorhersehbarkeit nicht zu überbieten. Auch ohne Nostradamus zu sein, ist jede neue Wendung schon Seiten vorher zu prophezeien und es kommt, wie befürchtet…
Auch die Erkenntnis, dass Sex schon sehr gut sein muss, um mit Jodeln mithalten zu können, hilft da nicht weiter.


René Freund - Liebe unter Fischen
Deuticke; € 18,40