Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ich bin seit langem ein großer Fan Patrick Modianos und gratuliere herzlichst zum wohlverdienten Literaturnobelpreis, allerdings möchte ich mit diesem Roman daran erinnern, dass Frankreich noch einiges mehr zu bieten hat als preisgekrönte Autoren und Provencekrimis.

Blondels zweites Buch ist mindestens ein ebensolcher Schatz wie viele andere französische Romane. Cécile Duffant und Philippe Leduc haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Sie ist erfolgreiche Bankangestellte im mittleren Alter, immer noch sehr gutaussehend, Mutter zweier Teenager und eine selbstbewusste, glücklich verheiratete Frau.
Er ist im gleichen Alter, jedoch längst nicht mehr so fit, wie noch in seinen Jugendjahren, ein Bierbauch ist nun seine größte Sorge, auch die Haare werden grau, aber im Gegensatz zu Cécile hatte er nie Probleme mit seinem Ego. Im Moment ist er auf dem Weg zu seinem langjährigen Freund, der an Krebs leidet und im Sterben liegt.
Beide besteigen sie den Zug nach Paris, der um 6 Uhr 41 abfährt. Der Platz neben Cécile ist noch unbesetzt und der Fahrgast, der fragt, ob er sich setzen darf, ist – Philippe – ihre Jugendliebe. Der Kerl, der sie vor Jahren auf eine Reise nach England eingeladen hat, obwohl er eigentlich schon vorher geplant hatte, Schluss zu machen, der sie verunsichert hat. Er war doch eigentlich verliebt in sie, wie konnte in London alles derartig aus den Fugen geraten?
In den folgenden anderthalb Stunden erinnern sich die Beiden jeweils für sich an die Zeit vor dreißig Jahren und stellen sich innerlich dieselbe Frage: Was wäre gewesen, wenn???
In Frankreich wurde dieses kleine Buch schlagartig zum Lieblingsbuch vieler, ein Insidertipp sozusagen, aber wenn man die ersten Sätze gelesen hat, kann man auch verstehen warum. Ein Aufhören ist unmöglich, man will wissen, wie es mit den beiden weitergeht – gibt es ein nächstes Mal für Cécile und Philippe?

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41
Deuticke; € 17,40
Meg Wolitzer – Die Interessanten
Patrycja Pilarska – Filiale Kärntner Straße

Was war aus ihnen geworden? Eine war eine kunstvolle, ernsthafte Regisseurin, die endlich ihren Durchbruch geschafft hatte. Aber wäre es auch ohne das Geld ihrer Eltern und das ihres Mannes so gekommen? Wahrscheinlich nicht. Einer hatte sich aus unbekannten Gründen von seinem musikalischen Talent verabschiedet und blieb selbst den Leuten, die ihn liebten, ein Rätsel. Eine war mit einem großen Tanztalent geboren worden, hatte durch einen unglücklichen Zufall der Natur aber einen Körper bekommen, der von einem gewissen Alter an nicht mehr zu ihrem Talent passte. Einer war beeindruckend, privilegiert und faul gewesen, mit dem Potenzial, Dinge zu errichten, gleichzeitig aber auch der Sehnsucht danach, sie zu zerstören. Und einer, Ethan selbst, war das „Original“, wie es in Artikeln und Porträts hieß. (…)Und dann war da noch die letzte aus Ethans Freundeskreis, die auf der Bühne nicht witzig genug gewesen war und auf ein anderes Feld hatte wechseln müssen, wo es weniger um Kunst als um eine Fertigkeit ging.
(Ethan Figman resümiert über den Freundeskreis der sich „Die Interessanten“ nannte)


Mir hat die Geschichte der „Interessanten“ wegen ihrer ungekünstelten Erzählweise gefallen, dass sie chronologisch vollkommen durcheinander gewürfelt ist, lässt eine Spannung entstehen, die bei einem solchen Roman sonst nicht zustande gekommen wäre. 40 Jahre vergehen hier auf 600 Seiten wie im Flug. Ein kurzer, ehrlicher Blick auf die Zukunft, wie man sie sich als Kind ausmalt und dann auf die Zukunft, die endlich zur Gegenwart geworden, den Vorstellungen nie gerecht werden kann - aber vielleicht kann man mit dem, was man erreicht hat, trotzdem zufrieden sein oder sogar glücklich?

Meg Wolitzer – Die Interessanten
Dumont; € 23,70
Hennig Mankell - Erinnerung an einen schmutzigen Engel
Christine Stohl - Filiale Graben

Es ist die Zeit der großen Weltumsegelungen, der Seefahrer auf der Suche nach neuen Rohstoffen, der Missionarisierungen und der letzten Kolonien.

Was dabei herauskommt, wenn die Fantasie eines passionierten Afrikaliebhabers beflügelt wird: Mankell legt mit Erinnerung an einen schmutzigen Engel keinen neuen Wallander vor, sondern einen spannend geschriebenen Frauen-/Entwicklungsroman.
Hanna Renström muss als Ältestes von 5 Kindern Familie und Heimat verlassen. Keine weiteren Mäuler können gestopft werden und die Verhältnisse am Land sind nur notdürftig. Also begibt sich die junge Schwedin als Schiffsköchin auf einen Frachter, der Kurs auf Australien nimmt. Nach einem Halt in Afrika (Mozambique) ist die Reise für sie vorerst mal beendet. Sie quartiert sich, nichtsahnend, in ein Hotel ein, das eigentlich ein Bordell ist und wird die Frau des Besitzers. Bald verwitwet und plötzlich zu Reichtum gelangt, bleibt sie. Allein der Umstand, weiß geboren zu sein, macht sie hier zu einer Angehörigen „besserer“ Kreise. Aber kann das ausreichen, um sie an diesem Ort zu halten?
Entsetzt über die Lage der Schwarzen, macht sie sich stark für die Frauen in ihrem Bordell und wird so selbst Sand im Getriebe der Apartheid.
Ein toller Roman, einziges Manko: Die Übersetzung hinkt an einzelnen Stellen (Alger statt Algier...)

Hennig Mankell - Erinnerung an einen schmutzigen Engel
dtv; € 10,30
Dave Eggers - Der Circle
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Der "Circle" ist ein Unternehmen, das es ermöglicht, verschiedene Abläufe des täglichen Lebens über einen einzigen Internet-Account laufen zu lassen. So wurde er ein beliebtes social media, welches Firmen wie Facebook bereits geschluckt hat und nun deren konsequente Weiterführung verkörpert. Wer dort arbeiten darf genießt Vorzüge, von denen andere noch nicht mal träumen: kostenloses Essen und Partys, ständige Gesundheitschecks, einen Arbeitsplatz in einem breit gefächerten sozialen Netz. Interaktion wird dort vorausgesetzt, sowohl intern als auch verbunden mit den Nutzern der Circle-Dienste weltweit. In ihren Accounts geben die Leute ihr Leben in Form von Fotos, Videos, Kommentaren usw. preis. Doch der Circle denkt weiter: das Wissen, immer gesehen zu werden, lässt Menschen bewusster handeln, was schließlich auch weniger Kriminalität bedeutet. Die absolute Transparenz und ständige Sichtbarkeit jedes Einzelnen ist der nächste logische Schritt - aber wohl nicht der letzte.

Ein großartiger Roman, in dem ein gleichsam bedrückendes wie beängstigend nachvollziehbares Szenario entworfen wird!


Dave Eggers - Der Circle
Kiepenheuer & Witsch; € 23,70
Charles Frazier – Ins Dunkel hinein
Bianca Dobler – Filiale Graben

Vom Autor von „Unterwegs nach Cold Mountain“ ist nun eine neue gleichsam berührend wie verstörend schöne Geschichte erschienen. Die stille, sehr zurückhaltende und schüchterne Außenseiterin Luce lebt abgeschieden in einem kleinen Sommerhaus am See. Als sie plötzlich die ebenso verstörten, nicht mehr sprechenden und irgendwie auch etwas zurückgebliebenen Zwillinge Dolores und Frank, die Kinder ihrer Schwester, „erbt“. Vermutlich mussten die beiden beobachten, wie der Gelegenheitsarbeiter und – gauner, der trinkende, zweite Ehemann Bud die Mutter umgebracht hat.
Erst noch selbst völlig überfordert mit dieser Aufgabe, gewinnt Luce langsam das Vertrauen von Dolores und Frank. Indem sie ihnen die Natur, das Wesen der Dinge und die besonderen Eigenschaften der Tiere in der Umgebung erklärt, bringt damit auch Ruhe in ihr eigenes Leben.
Mit einer Sprache, die an Intensität und Klarheit ihresgleichen sucht, erzählt Frazier von fragilen Charakteren und ihnen drohenden Gefahren auf der Suche nach dem Glück, das sie verdienen. Denn als Stubblefield, ein junger Mann in seine Heimat zurückkehrt und in Luce die Liebe seiner Teenagerjahre wiedererkennt, scheint ein Happy – End doch tatsächlich in greifbarer Nähe.
Ich habe hier einen dieser Romane entdeckt, der mit einfacher und deutlicher Sprache trotzdem eine auf vielfältige Art und Weise nahe gehende Handlung erzählt und damit direkt ins Herz zielt!!

Charles Frazier – Ins Dunkel hinein
Zsolnay; € 20,50
Rosa Ribas und Sabine Hoffmann – Das Flüstern der Stadt
Bianca Dobler – Filiale Graben

Wenn ich es nicht mehr schaffe in diesem Sommer noch ein Buch zu lesen, dann bin ich froh, dass ich „Das Flüstern der Stadt“ gelesen habe. Es ist nicht nur ein spannender Roman nahe an der Grenze zum Thriller, sondern auch ein unglaublich dichtes Bild einer Stadt, gezeichnet mit extremer Liebe zum Detail und die Darstellung einer Zeit voller politischer Umbrüche und Fehlentscheidungen.

Es ist Barcelona 1952 zur Zeit der Franco-Diktatur, als ein grausamer Mord an einer Arztwitwe geschieht. Für die junge Ana Marti, die den Auftrag bekommt die Polizeiberichterstattung zu übernehmen, bietet sich hiermit die Chance endlich journalistisch Karriere zu machen. Doch dem verantwortlichen Ermittler kommt ihre Anwesenheit äußerst ungelegen, soll er den Fall doch schnellstmöglich zu den Akten legen. Plötzlich werden an die ermordete Witwe adressierte Liebesbriefe gefunden - der Absender anonym - die dem Fall eine völlig andere Wendung verleihen. Weil diese Spur offiziell nicht so weiterverfolgt wird, bittet Ana ihre Cousine Beatriz um Hilfe. Jene lebt seit einigen Jahren aufgrund eines Berufsverbots als Sprachwissenschaftlerin sehr zurückgezogen. Doch zusammen stoßen die beiden bei ihren eigenen Ermittlungen auf Fakten und Details, die sie selbst zur Zielscheibe für Personen in den höchsten politischen Kreisen machen...
Doch Ana und Beatriz wollen die Wahrheit ans Licht bringen, mit den einzigen Waffen, die sie den Mächtigen der Stadt entgegenzusetzen haben: dem Wissen über die Sprache und der Liebe zur Literatur.

Ein spannender Roman, der sprachlich auf ganz besonders schöne und eindrucksvolle Weise die 1950er Jahre in Spanien darstellt.
Anspruchsvolle Lektüre für Genießer!

Rosa Ribas und Sabine Hoffmann – Das Flüstern der Stadt
Kindler; € 20,60
Arto Paasilinna – Der Mann mit den schönen Füßen
Bianca Dobler - Filiale Graben

Aulis Rävänder ist eigentlich ziemlich erfolgreicher Reeder in Helsinki, besonders drei Dinge liegen ihm speziell am Herzen: seine gutaussehende Frau, seine Kinder und sein Schlepper „Vulcanus“, der bis zu vierzig Zentimeter dickes Eis durchbrechen kann. Doch plötzlich gesteht ihm seine Ehefrau, dass sie seit längerem eine Affäre hat. Er möge demnach bitte schnellstmöglich das gemeinsame Haus räumen, um dem „Neuen“ Platz zu schaffen, die Kinder wüssten Bescheid und hätten keine weiteren Einwände.
Verzweifelt vor den Trümmern seiner Existenz stehend, wählt Aulis die Nummer der Telefonseelsorge, auch hat er sich auf eine kleine abgelegene Insel zurückgezogen, um dort zu trauern, doch er hat sich gleichermaßen verwählt. Er landet bei der resoluten und eigenwilligen Fußpflegerin Irene Oinonen, was sein Leben erst so richtig durcheinanderbringt, denn sie verliebt sich nicht nur in die schönen, großen Füße von Aulis.
Schräg und lustig, irrwitzige Charaktere und abstruse Handlungsverläufe mit möglichst unerwarteten Wendungen – ganz wie man es vom finnischen Großmeister des Humors gewohnt ist. Extrabonus in diesem neuesten Streich: ein ertrunkenes, angespültes Wildschwein, vermutlich estnischer Herkunft!

Arto Paasilinna – Der Mann mit den schönen Füßen
Lübbe; € 19,60
David Levithan – Das Wörterbuch der Liebenden
Bianca Dobler – Filiale Graben

breathtaking, (adj.) atemberaubend
Wenn wir uns morgens küssen und einander hingeben, eine Stunde lang, bevor wir ein einziges Wort sagen.
(Zitat aus „Das Wörterbuch der Liebenden“)


Ein Wörterbuch der ganz besonderen Art: Jeder einzelne Buchstabe wird mit eigenen Stichworten versehen, wovon ein jedes eine spezielle Situation unter Liebenden beschreibt. Von den ersten Annäherungen, dem „Genervt – sein“, Liebesbekundungen, kleinen und großen Gefühlen, dem Treffen mit der alles bestimmenden besten Freundin, dem Duft des anderen, dem Austausch von Komplimenten und dem Kritisieren von lästigen Angewohnheiten.
Nicht chronologisch, dafür alphabetisch angeordnet ist das ein ganz besonderes Buch für bereits Verliebte, für solche, die den Richtigen scheinbar nicht finden können. Klug, poetisch, romantisch und ernüchternd zugleich geschrieben, ist dieses Bändchen ein Buch zum „Immer – wieder – lesen“ oder zum kurzen Nachschlagen, aber ganz sicher eines, das man nicht missen möchte.

David Levithan – Das Wörterbuch der Liebenden
List; € 9,30
Marie-Theres Stremnitzer – Angezogen wäre das nicht passiert
Bianca Dobler – Filiale Graben

Luisa ist relativ erfolgreiche Restauratorin von alten Ölgemälden, lebt in Wien – für ihren Geschmack viel zu nahe an der Mutter, die ebenfalls in der Stadt wohnt, wohingegen ihre Schwestern nach Buenos Aires und Paris ausgewandert sind – und ist zur absoluten Vervollständigung ihres Glückes eigentlich „nur“ auf der Suche nach dem Richtigen. Allerdings ist sie bereits 30 und damit, wie viele Leute meinen, bereits knapp an der Grenze zu „Schwer vermittelbar“. Fast denkt auch Luisa selbst schon so, weshalb sie sich auf einer Internet-Singlebörse nach potentiellen Kandidaten für den Posten des Mister Right umschaut. Dieses Vorhaben artet aufgrund widriger Umständen in einer witzig, schrägen und herrlich rasanten Tour de Force aus, nicht nur weil Luisa zusätzlich durch ihre beeindruckende Körpergröße von 1,80 Meter viele Männer schlicht und einfach abschreckt, sondern sie auch noch Ansprüche stellt, die realistisch betrachtet kein Mensch – auch kein Mann – erfüllen kann.
Als wäre das alles noch nicht genug meldet sich die Jüngste der Schwestern plötzlich aus Paris mit der frohen Botschaft „Du wirst Tante“, weshalb unsere liebenswerte und gelegentlich etwas tollpatschig wirkende Heldin auch noch mit einem Familientreffen zurecht kommen muss. Hormonbedingte Gefühlsausbrüche, die üblichen Auseinandersetzungen mit der leicht neurotischen Mutter und dazwischen Blind Dates am laufenden Band, aber immer in direkter Nähe zum Donaukanal. Immerhin sollte man, falls das Treffen sehr schrecklich auszugehen droht, immer einen Weg gen schnellen, sauberen Selbstmord offen haben!
Beständig am schmalen Grat zwischen Selbstbeherrschung und Verzweiflung, zwischen Familienproblemen und dem Männer-Marathon, bar jeglicher Naivität manövriert sich die Wiener Singlefrau durch ihre Liebesabenteuer - unglaublich belustigend und charmant für den Leser, der nur mit Tränen in den Augen folgen und wieder bemerken kann: Ja, Wien ist anders! Und das ist gut so!

Marie-Theres Stremnitzer – Angezogen wäre das nicht passiert
Berlin Verlag; € 10,30
Diego Galdino – Der erste Kaffee am Morgen
Bianca Dobler – Filiale Graben

Massimo ist Barista aus Leidenschaft. Seine Bar auf einem kleinen römischen Platz war noch keinen Tag geschlossen, seine Kunden definieren sich in seiner Wahrnehmung über ihre Kaffeetrinkgewohnheiten. Der alten Dame, die direkt über der Bar wohnt, bringt er ihren Morgenkaffee direkt an den Frühstückstisch, bis sie plötzlich verstirbt. Doch aus unerfindlichen Gründen vererbt sie ihre Wohnung der schönsten, sensibelsten und für Massimo mysteriösesten Französin, der er je begegnen durfte. Hals über Kopf verliebt wirbt der Barista um die zurückhaltende Fremde, die seine Kaffeekreationen verschmäht und ihm überhaupt auszuweichen scheint. Als sie überstürzt nach Paris zurückkehrt und nur ein Tagebuch hinterlässt, das Fragen aufwirft und Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht bringt, weiß Massimo nur eines mit noch größerer Bestimmtheit als zuvor: mit dieser will er für den Rest seines Lebens den ersten Kaffee am Morgen trinken.
Dieses Buch ist eine wunderbare, sommerlich leichte Liebesgeschichte und eine Hommage an das großartigste Getränk der Welt, damit also ein Muss für jede Strandurlauberin und Kaffee-o-holic wie mich. Nur drei Sätze machen süchtig nach mehr Genuss.

Diego Galdino – Der erste Kaffee am Morgen
Thiele; € 18,-
Fredrik Backman – Ein Mann namens Ove
Bianca Dobler – Filiale Graben

Niemand wünscht sich einen Nachbarn wie Ove!
Als selbsternannter Beschützer der schwedischen Reihenhaussiedlung macht er täglich seine Kontrollrunde, entlarvt jeden Parksünder, kennt und kommentiert sämtliche Passanten, die er von seinem Platz hinter der blaugeblümten Küchengardine aus entdeckt und treibt so auch sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit alle seine Mitbewohner an den Rande des Wahnsinns.
Doch Ove hat ein Geheimnis. Seit seine geliebte Sonja nach längerem Krebsleiden verstorben ist und er vorzeitig pensioniert wurde, sieht er aber eigentlich keinen Sinn mehr in seinem Dasein. Auch war die Ehe eine kinderlose und deswegen bereitet er sich alleine auf das Sterben vor.
Die Pläne des alten Griesgrams werden allerdings von einer jungen Familie durchkreuzt, die im Nebenhaus einzieht und zur Begrüßung gleich einmal seinen Briefkasten überfährt – und das zu Oves speziellem Entsetzen nicht wenigstens in einem Saab! Deren kleine Tochter erobert den alten Herrn aber im Sturm, denn das ist Oves Geheimnis: er hat bei aller Übellaunigkeit ein viel zu großes Herz!

In Schweden bereits ein Bestseller erscheint die Übersetzung nun endlich auch bei uns und dieses Buch sollten Sie heuer auf keinen Fall verpassen!
Auch wenn der treue Leser seit Jonassons „Der Hundertjährige“ einiges an Stoff geliefert bekam, Ove setzt noch einiges drauf! Obwohl ich persönlich skeptisch war, weil ich so gar kein Fan eben des besagten alten Schwedens bin, hat Ove mich um so mehr überrumpelt und ich bin ihm restlos verfallen.
Ich kann nur hoffen, dass es Ihnen genauso gehen wird, wenn Sie ihm begegnen – aber sitzen Sie dabei besser in einem Saab!

Fredrik Backman – Ein Mann namens Ove
Fischer; € 19,60
Marion Brasch – Wunderlich fährt nach Norden
Bianca Dobler – Filiale Graben

Die junge, deutsch-österreichische Autorin, die hierzulande vorwiegend als „kleine Schwester von Thomas, Klaus und Peter Brasch“ bekannt sein dürfte, und schon 2012 ihren ersten Roman, die autobiografische Geschichte „Ab jetzt ist Ruhe“ im Fischer Verlag veröffentlicht hat, etabliert sich nun mit ihrem zweiten Roman sicherlich endgültig als eigenständige Schriftstellerin. Mit herzlichen, warmen Dialogen und einer klaren, eingängigen Sprache trifft ihre Geschichte direkt ins geneigte Leserherz und fesselt Fans von skurrilen Figuren von der ersten Zeile an.
Denn Wunderlich ist unglücklich, weil Martha ihn verlässt. Gleich darauf ist Wunderlich verwirrt und beunruhigt, den er erhält Kurznachrichten auf sein Mobiltelefon, die auch nicht von ihr stammen. Ein anonymer Absender schreibt Dinge, die kaum jemand sonst von Wunderlich weiß, er gibt Hinweise, Ratschläge und lenkt Wunderlich in eine Richtung, die der allein nie eingeschlagen hätte. Er trifft auf seiner Reise auf die kuriosesten Gestalten und liebenswerte Unikate und viele neue Freunde begleiten ihn auf seinem Weg ans Meer. Doch auch das scheint nicht das letzte Ziel der Tour zu sein, oder doch?
Man kann nur gespannt weiterlesen, denn es bleibt „Wunderlich“...

Marion Brasch – Wunderlich fährt nach Norden
Fischer; € 20,60
Katja Kettu – Wildauge
Bianca Dobler - Filiale Graben

Speziell Finnland als Gastland der Buchmesse

Die junge finnische Autorin verfasst mit „Wildauge“ einen Roman, der auf den Aufzeichnungen ihrer Großmutter beruht und in Finnland schon wochenlang den 1.Platz der Bestsellerliste belegte.

Im sommerlichen Lappland 1944 trifft Johannes Angelhurst zum ersten Mal die ungestüme, eigensinnige Hebamme von Petsamo. Ihr Spitzname ist „Wildauge“, weil die Dorfgemeinschaft ihr argwöhnisch gegenübertritt. Sie scheint zu viel über Leben und Tod zu wissen, auch wenn man sie in sein Haus einlädt, sobald man ihre Arbeit benötigt. Sie behandelt traditionsgemäß nach den Lehren der alten Schamanen, wie es auch heute noch tatsächlich praktiziert wird. Der junge, deutsche Offizier soll als Fotograf das Leben der finnischen Verbündeten porträtieren, doch zwischen den Beiden entwickelt sich eine Liebe, die sie schließlich sogar dazu bringt, sich in ein Gefangenenlager einschleusen zu lassen. Doch die Geschehnisse im Lagers hinterlassen Spuren, Johannes flüchtet in den Konsum von Drogen und die bedingungslose Leidenschaft und die Hingabe der namenlos bleibenden Hebamme werden einer harten Prüfung unterzogen.

Die Autorin will mit diesem Roman auch an das Schicksal von Frauen, Kindern und Kriegsgefangenen erinnern, die dem Geschehen hilflos ausgeliefert waren. Die Stellung der Hebamme ist hier eine besondere, weil diese Berufsgruppe über Freiheiten verfügten, die vielen anderen nicht gegeben waren. So konnten sie sich etwa frei bewegen, nach Bedarf kommen oder gehen und hatten Einblick in fast alle Häuser der Umgebung. Außerdem nahmen sie durch ihre traditionelle schamanistische Ausbildung auch eine besondere Position in der Gesellschaft ein, irgendwie gleichzeitig höher gestellt aufgrund ihrer Bildung und dennoch auch gemieden. Auch die Sprache im Roman zeichnet sich durch Einzigartigkeit aus und unterstreicht dadurch noch diese Besonderheiten, für manche Ausdrücke, die es auch im Finnischen selbst so nicht gibt, musste die Übersetzerin gar neue Begriffe erfinden.

Ein wirklich beeindruckendes Porträt einer Zeit und ein überragendes Debüt – mit Sicherheit eine der besten Neuerscheinungen dieses Sommers!

Katja Kettu – Wildauge
Galiani; € 20,60
Pearl S. Buck – Ostwind Westwind
Gabriele Grün – Filiale Schönbrunner Straße

Das Buch beginnt mit der Lebensgeschichte der 17-jährigen Kuei-Lan, die von ihren Eltern
dem Manne zur Frau übergeben wird, den sie bereits bei ihrer Geburt für sie ausgewählt haben.
Die junge chinesische Adelige zweifelt nicht an der Rechtschaffenheit ihrer Eltern und deren
Ahnen, die in feudalen Häusern leben, Sklaven haben und ihre Töchter im Hause halten.
Für Kuei-Lan ist es völlig normal, nur zu Hause oder später am Hofe der Eltern ihres Mannes
zu leben. Und wenn sie hört, dass es in anderen Ländern Frauen gibt, die "einher
gehen gleich Männern“, so schätzt sie diese Frauen gering, denn niemals kann eine Frau dem Mann gleich gestellt sein!
Dass sie sich ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter unterordnet, ist für sie eine Selbstverständlichkeit, ebenso, dass sie ihrem Mann Söhne gebären muss, denn nur Söhne zählen im Alten China: Töchter werden verheiratet und gehören dann der Familie ihres Ehemanns, während der Sohn stets für die Eltern sorgen wird.
Doch die Rebellion beginnt an einer Stelle, wo man es nicht vermutet hätte: Kuei-Lans Gatte
hat Jahre in den USA verbracht, Medizin studiert und die "moderne junge Welt" entdeckt!
Er sieht in Kuei-Lan eine gleichberechtigte Partnerin und möchte etwas ändern im Hause seiner Eltern und vor allem im Denken der Eltern.
Aber auch Kuei-Lans Bruder, der ebenfalls im Westen studiert hat und sich in eine Amerikanerin verliebt hat, kämpft für eine moderne tolerante Welt - und für seine Liebe, denn seine Eltern haben ihm bereits eine Braut, eine chinesische Edeldame, ausgesucht…
Eine wunderschöne romantische Geschichte !

Pearl S. Buck – Ostwind Westwind
DTV; € 10,20
Eric Malpass - Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Gabriele Grün – Filiale Schönbrunner Straße

Eine Familie, in die man sich gleich auf den ersten Seiten verliebt!
Die Pentecosts leben in einem gemütlichen Landhaus in England und bestehen aus dem alten knurrigen Opa, den Patriarchen der Familie, dem Schriftsteller Jocelyn und seiner Frau May, der eigentlichen heimlichen "Chefin" des Familienclans, ihrem kleinen Lausbuben Gaylord, Großtante Marigold und den Schwestern Rose und Betsy! Bei so vielen Familienmitgliedern steht das Barometer oft auch auf Sturm, es gibt Streitigkeiten, Eifersüchteleien, aber auch Harmonie und Zusammenhalt, wenn es darauf ankommt!

Opa hält nicht viel von den "Kraxeleien" seines Sohnes Jocelyn und nimmt dessen Beruf als Schriftsteller nicht ernst, Jocelyn wiederum kränkt sich, weil er nicht so gut schreiben kann wie ein gewisser "William Shakespeare", die sehr hübsche charmante Betsy wird von sämtlichen jungen Männern umschwärmt, was wiederum den Neid der älteren Rose weckt...
May bemerkt, dass sie schwanger ist und macht sich Gedanken, wie der kleine Gaylord diese Nachricht auffassen wird und ob man ihm die Tatsache schmackhaft machen kann, plötzlich
Ein "großer Bruder" zu sein...
Gaylord trifft sich heimlich mit dem Nachbarjungen Willie, was ihm eigentlich verboten worden ist.
Als Willies Brüder Gaylord eines Diebstahls bezichtigen und ihn misshandeln, überschlagen sich die Ereignisse!
Aber zum Glück geht alles gut aus, am Ende des Buches sind Rose und Betsy glücklich verheiratet, Opa kann sich aufseufzend wieder seiner Pfeife widmen und Gaylord hat ein kleines Schwesterchen bekommen...
Eine sehr charmante liebenswerte Geschichte, die mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat! Eine Familie, bei der man am liebsten gleich einziehen möchte...

Eric Malpass - Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Rowohlt; € 8,30
Anna Gavalda – Nur wer fällt, lernt fliegen
Bianca Dobler – Filiale Graben

Billie, benannt nach Michael Jacksons „Billie Jean“, wächst in einer Wohnwagensiedlung auf, ihre Kindheit ist geprägt von Sozialhilfe und den leeren Alkoholflaschen der Eltern. Franck - nach dem Held der Mutter Franck Alamo – liegt in ständigem Streit mit seinem bürgerlich-reaktionären Vater. Die Außenseiter haben nichts gemeinsam bis sie die beiden Hauptrollen in einem Schultheaterstück bekommen. Doch es folgen weitere Abstürze, Schicksalsschläge und zeitweilige Trennungen, alles spricht gegen ein Happy End. Doch heute sind beide zusammen in den Cevennen, sie sind allerdings bei ihrer Wanderung in eine Felsspalte gestürzt, während Franck bewusstlos in Billies Armen liegt, erzählt sie ihm eine Geschichte – ihre Geschichte – stets daran denkend, dass sie ihren Retter, ihren Tröster aus den schwierigsten Tagen und ihren einzigen Beistand in den traurigsten Zeiten dieses Mal verlieren könnte. Anna Gavalda erzählt mit ihrem neuesten Buch eine mitreißende Geschichte von Liebe, Freundschaft und tiefstem Vertrauen in einer unbeständigen, feindlichen Welt und eine moderne Scheherazade gegen den Tod und den Verlust eines geliebten Menschen in einer gewohnt poetisch, temperamentvollen Sprache.

Anna Gavalda – Nur wer fällt, lernt fliegen
Hanser; € 19,50
Marlene Streeruwitz - Nachkommen
Eugenie Strasser – Filiale Kärntner Straße

Und wieder ein absolut großartiges Buch – NEIN!!! ROMAN!!! (versteht man, wenn man´s liest) von Marlene Streeruwitz. Sie lässt ihre Protagonistin, die junge Nelia Fehn durch die Frankfurter Buchmesse geistern, wo sie als Nominierte für die Shortlist des deutschen Buchpreises durch die Szene gereicht wird – von Verlegern zu Schriftstellerkollegen, von Interviews zu Umtrunken, von Lesungen zu diversen Feierlichkeiten. Um Literatur geht es weniger, eher ist das Ganze ein gesellschaftliches und geschäftliches Großereignis – intellektuell getarnter Kommerz, der ganz schön ordinär rüberkommt.
Nebenbei trifft sie das erste Mal ihren leiblichen Vater, der ihr Dinge über ihre verstorbene Mutter – ebenfalls Schriftstellerin – erzählt, die sie noch mehr verstören, als sie es in all dem Trubel ohnehin schon ist. Auch ihr griechischer Freund und damit einhergehend die Lage Griechenlands spielen eine Rolle – eine Menge Themen, die die Autorin in ihrem eigenwilligen und präzisen Stil höchst fesselnd behandelt.
Nelia Fehns fiktiver Beitrag zur Buchmesse soll übrigens im Herbst als nächstes Werk von Streeruwitz erscheinen – eine spannende Idee, auf deren Umsetzung wir uns freuen können!

Marlene Streeruwitz – Nachkommen
S. Fischer; € 20,60
Hannelore Valencak - Das Fenster zum Sommer
Gabriele Grün – Filiale Schönbrunner Straße

Die frisch gebackene Ehefrau Ursula freut sich schon sehr auf ihren ersten gemeinsamen Urlaub mit Joachim. Doch als sie in der Früh erwacht, ist es kein warmer Sommertag im Juli, ihr Mann liegt auch nicht neben ihr und auch sonst stimmt absolut nichts an diesem Morgen!
Es ist ein kalter grimmiger Februarmorgen, sie wohnt wieder bei ihrer despotischen Tante Priska
und erfährt zu ihrer Verwunderung, dass sie gefälligst aufstehen und sich fürs Büro fertigmachen soll...wo sie doch kurz vor ihrer Hochzeit gekündigt hatte...
Tante Priska kennt keinen Joachim und auch an ihrer Arbeitsstelle staunt niemand darüber, dass Ursula wieder hier ist und arbeitet...
Auch eine längst verstorbene Arbeitskollegin sitzt im Büro und tut, als wäre das völlig normal, dass sie nicht im dunklen Grab liegt, sondern an ihrer Schreibmaschine sitzt.
Ursula begreift, dass sich aus irgendeinem unheimlichen Grund die Zeit um Monate zurück gedreht hat und sie diese Monate erneut durchleben muss!
Wird es ihr gelingen, Joachim erneut zu treffen? Wird er sich erneut in sie verlieben?
Eine spannende Geschichte mit leicht gruseliger Untermalung!

Hannelore Valencak - Das Fenster zum Sommer
Residenz Verlag; € 19,90
Camilo Sánchez – Die Witwe der Brüder van Gogh
Bianca Dobler - Filiale Graben

Ein neuerlicher Beweis, dass hinter dem Erfolg eines Mannes oftmals eine starke, unabhängige Frau steht.

Alles beginnt in Paris 1890, wo Vincent van Gogh von seinem jüngeren Bruder Theo finanziell ausgehalten wird, damit er sich ganz seiner Kunst widmen kann. Doch als Vincent Selbstmord begeht und kurz darauf auch Theo aus Trauer und Verzweiflung stirbt, sieht sich Theos Witwe Johanna van Gogh – Bouger mit einer Unmenge von geerbten Bildern in der viel zu engen Wohnung konfrontiert.
Doch sie erkennt schnell deren Bedeutung, umso mehr als sie den Briefwechsel der Geschwister liest und so zur ersten Wegbereiterin der Erfolge des Malers wird.
Mit unglaublicher sprachlicher Gewandtheit, in diesem Falle trifft wohl auch der Begriff „Sprachmalerei“ zu, weil die Bilder im Text teilweise ebenso pittoresk wie die van Goghs selbst scheinen, erzählt der spanische Autor die Geschichte der jungen, gebildeten und belesenen Witwe, die, entgegen besserer Ratschläge, der Welt als Organisatorin der ersten Ausstellungen ihres Schwagers, Kunsthändlerin und selbst Dichterin gegenübertritt.

Ein Leben voller Schicksalsschläge am Fin de Siècle, ein Bild des abwechslungsreichen Europas und gleichzeitig ein Künstlerporträt höchsten Ranges, in einer nicht sehr üblichen Form.
Für Kunstgenießer und Zeitinteressierte von einem, wie ich meine, grandiosen Autor.

Camilo Sánchez – Die Witwe der Brüder van Gogh
Unionsverlag; € 20,60
Fabio Volo – Lust auf dich
Bianca Dobler – Filiale Graben

Erotische Romane sind derzeit viele auf dem Markt, doch aus italienischer Feder kommt nun einer, der durch hohes Niveau, sprachliche Feinheiten glänzt, und es schafft, sich auf der dünnen Grenze zwischen Erotik und schmuddligem Sex meisterhaft entlang zu bewegen.
Sinnliche Fantasie bestimmt zwar auch hier den Grundtenor der Handlung, jedoch ohne jemals billig zu werden. Außerdem geht es in dieser Geschichte um die Befreiung der jungen Elena, die in ihrer Ehe ebenso unbefriedigt bleibt wie in ihrem Beruf und sich deshalb von dem großen, unbekannten Verführer angezogen fühlt.
Schnell verfällt sie dem mysteriösen Liebhaber, der ihre Neugier und Fantasie wieder erweckt und dabei so wenig von sich selbst verrät.

In Italien längst bekannt und berühmt ist Fabio Volo bei uns immer noch eine Art Geheimtipp, der mit diesem Roman aber sicherlich zu seinen treuen Fans findet und auch ein neues Lesepublikum gewinnen wird.

Fabio Volo – Lust auf dich
Diogenes; € 15,40
Roman Rausch - Die letzte Jüdin von Würzburg
Christiane Stohl – Filiale Graben

Eine Frau in Männerkleidung, die ihre Konfession wie eine zweite Haut abstreift, um in Zeiten schwelender Konflikte nicht an die falsche Front zu geraten. Kennt man doch, Päpstin und Medicus lassen grüßen!

Während im Deutschland des Hochmittelalters die Pest wütet und Juden -dafür verantwortlich gemacht- zunehmender Bedrohung durch Bürger, Adel und Klerus ausgesetzt sind, entkommt in Straßburg eine junge Frau dem Massenmord an ihrem Volk.

Ihre Flucht führt sie nach Würzburg, dem Ort, an dem Juden durch ein Gesetz vor gewalttätigen Übergriffen geschützt sind. Als Geldgeber sind sie für Stadt, König und Kirche nicht wegzudenken, der verarmten Bevölkerung sind sie ein Dorn im Aug.

Jaelle alias Johan begibt sich –sicherheitshalber als Christ getarnt- in die Stadt, wohin ihr sterbender Vater sie geschickt hat, um nach einem entfernten Verwandten Ausschau zu halten.

Auf der Suche nach ihren Vorfahren gerät sie in ein Versteckspiel, denn nicht nur im Judenviertel trifft sie auf Verbündete, durch ihr Talent als Schreiberin erhält sie einen Posten in der bischöflichen Kanzlei und soll für Michael de Leone, die rechte Hand des Bischofs, ihr eigenes Volk ausspionieren.

Festgemacht an der historischen Figur des Michael de Leone, einem Kunstmäzen und Notar von Albrecht II, verknüpft Rausch Fiktion und Wahrheit und haucht so Geschichte neues Leben ein.

Roman Rausch: Die letzte Jüdin von Würzburg
Rowohlt; € 10,30
Dimitri Verlust – Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ein Bekannter erzählt dem Protagonisten bei einer ihrer regelmäßigen Boulepartien von einem Australier, der, weil dessen Frau ihn verlassen hat, sein ganzes Leben inklusive miesem Job im Internet zur Versteigerung anbietet. Interessanter Gedanke, immerhin erträgt er die Launen seiner eigenen Frau seit Jahrzehnten, darf sich kaum einen Schluck Wein oder ein Treffen mit Freunden gönnen und blickt wehmütig älteren, sich immer noch liebenden Paaren auf der Strasse hinterher.
Kurzum beschließt er eine Demenzerkrankung vorzutäuschen, um im Altersheim ein ruhigeres Leben führen zu können. Doch er hätte nicht damit gerechnet, dass auch hier noch einige Überraschungen auf ihn warten. Nicht nur unglaubliche Missstände im Heim selbst, gegen die er nicht nur aufbegehrt, sondern die er auch öffentlich bekannt zu machen versucht, sondern auch die Begegnung mit einer alten Jugendliebe und einem Mitbewohner, der sich als ehemaliger Nazi entpuppt.

Flämisches Kuriosum, vergnügliche Lektüre und vor allem ein Plädoyer für das Leben, das im Alter erst recht genossen werden soll.

Dimitri Verlust – Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
Luchterhand; € 13,40
Jojo Moyes - Weit weg und ganz nah
Katharina Payerits - Filiale Praterstern

Ein Roadtrip der anderen Art. Jess ist alleinerziehende Mutter von zwei besonderen Kindern, denn Tanzies Leidenschaft ist die Mathematik und Nicky kann den Liedstrich besser als manches Mädchen in seinem Alter. Doch was das Geld betrifft muss Jess jeden Cent mindestens zweimal umdrehen, damit sie über die Runden kommen und die beiden Kinder haben in nicht in der Schule mit Intoleranz zu kämpfen. Aber dann findet Jess ein Bündel Geld und steht vor einer Entscheidung, die alles verändern kann, denn mit dem Geld könnte sie zumindest Tanzie eine bessere Zukunft sichern. Und natürlich ist es genau der Mann, dem dieses Geld gehört, der die Familie aufliest und mit ihnen nach Schottland fährt um Tanzie eine einzigartige Chance zu ermöglichen. Doch nicht nur das gestohlene Geld steht zwischen Jess und Ed, denn die Enge eines Autos kann Menschen sowohl einander näher bringen, aber auch das Gegenteil bewirken.
Diesmal hat es Jojo Moyes wieder geschafft mich vollkommen zu überzeugen, dass Sie genau weiß wie man eine Liebesgeschichte soweit in den Hintergrund einer komplizierten Familiengeschichte stellt, sodass sie nicht untergeht. Denn im Vordergrund stehen eindeutig die Charaktere mit ihren ganz unterschiedlichen Ängsten und Problemen, die sie zu lösen versuchen. Aber neben den ersten Themen wie Mobbing und Geldproblemen, ist es immer wieder erstaunlich wie sich die Familie rund um Jess immer wieder aufrappelt. Denn eine hoffnungslose Optimistin wie sie bringt so schnell nichts aus dem Gleichgewicht. Keine Angst der Humor kommt auch nicht zu kurz und auch Norman, der Familienhund, mit leichten Verdauungsproblemen, sorgt für Schmunzler und beweist am Ende alle, was für ein Held auch ein Hund sein kann.

Jojo Moyes - Weit weg und ganz nah
Rowohlt; € 15,50
Joachim Lottmann – Endlich Kokain
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ein Wien–Roman der ganz anderen Art oder die verrückteste Diät der Welt!
Stephan Braum ist schon fast zu normal. Er ist ein frühpensionierter, weil übergewichtiger, ehemaliger Fernsehredakteur, der es nie geschafft hat sein Gewicht zu reduzieren. Aus diesem Grund bekommt der gutmütige, niemals Alkohol konsumierende Einzelgänger, nun eine fatale Diagnose gestellt: noch drei Jahre, dann würde er seinem Übergewicht erliegen. Doch der Bruder eines Freundes, den er in der Eingangsszene in der Konditorei AIDA auf der Praterstrasse trifft, bringt ihn auf die Idee zu versuchen durch die Einnahme von Kokain abzunehmen. Nach gründlicher Recherche begibt sich Braum in das genannte Lokal um den Mittelsmann zu treffen und damit beginnt ein sozialer Aufstieg, der zugleich eine völlige Veränderung Braums Charakters mit sich führt.
Vom einsamen Spieler entwickelt er sich zum dünnen, skrupellosen Betrüger, Lügner und Frauenheld. Zwar fühlt sich der Held dieses Anti – Entwicklungsromans nun endlich glücklich, doch nur ein Zufall rettet den, zum Liebling der Wiener und Berliner Kunstbohéme aufgestiegenen, Optimisten.
Sein Freund, der ebenso berühmte Maler Hölzl (Namensgleichheiten mit bekannten Österreichern sind hier und auch im Falle des Politikers Schwindelacker sicher nur reiner Zufall und nicht beabsichtigt, im Zweifelsfall bitte beim Autor selbst nachfragen...), erwähnt nur nebenher eine wie er meint, allgemein bekannte Tatsache, die Braum vor dem sicheren Drogentod bewahrt.
Ein Roman zwischen Wien und Berlin, zwischen Komik und Satire, aber ganz klar:
ein Muss im Regal jedes Lesers, der Wien mag, gerne in Berlin ist, auf den Rat von Bekannten hört, gerne berühmter wäre oder einfach nur gerne dünner


Joachim Lottmann – Endlich Kokain
Kiepenheuer & Witsch; € 10,30
Romain Puértolas – Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea – Schrank feststeckte
Bianca Dobler – Filiale Graben

Für Leser des „Hundertjährigen“ erschien nun eine noch lustigere und herzliche Geschichte über den falschen Fakir aus Indien, der in Frankreich ankommt um bei Ikea ein Nagelbett zu kaufen und unweigerliche eine schräge Tour durch Europa antritt.
Schon allein die Tatsache, dass er fast ausschließlich mit Falschgeld bezahlt, gibt zu denken, ob diese Reise gut gehen kann?
Ayarajmushee Dikku Pradash, der charmante Hochstapler mit dem beachtlichen Schnurrbart will eigentlich nur das Ikea – Bett „Likstupiksta“ (schwedische Kiefer, 15000 Nägel, rostfrei, Farbe: pumarot), doch dann hat er Ärger mit dem Taxifahrer Palourde, verliebt sich und übernachtet in einem Ikea – Kasten, der per Möbeltransport mit ihm über Barcelona, Tripolis und Rom reist, aber ihn schlussendlich doch wieder nach Paris bringt.
Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Marx – Brothers Film, wenn man als Leser von der manischen Macht überrollt wird, die diese Lektüre in einem auslöst, aber man kann erleichtert feststellen: „Nicht das Nagelbett schmerzt hier, sondern der Bauch vom andauernden Lachen!“
Ein Buch, das man diesen Sommer auf keinen Fall verpassen sollte.

Romain Puértolas – Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea – Schrank feststeckte
Fischer; € 17,50
Matt Haig - Ich und die Menschen
Bianca Dobler – Filiale Graben

„Jede neue Technologie auf der Erde ist in fünf Jahren überholt. Halte dich an Dinge, die auch in fünf Jahren nicht lächerlich sein werden. Liebe. Ein gutes Gedicht. Ein Lied. Der Himmel.“

Nachts im Regen wird der Mathematikprofessor in Cambridge aufgegriffen, weil er nackt die Autobahn entlang wandert. Als er in einer Klinik aufwacht, wird er einer Frau vorgestellt, bei der es sich um seine Ehegattin Isobel handeln soll, und sein pubertierender Sohn Gulliver, leidet sehr unter den Mobbing – Attacken seiner Mitschüler, die durch die Tatsache, dass sein Vater durch dessen nächtlichen Spaziergang zum Youtube – Star avanciert ist, nur noch zugenommen haben.
Schon vorher waren die Mathematik und besonders die Lösung des Riemann’schen Problems im Leben Andrews weitaus wichtiger als seine Familie, doch nun muss er sich einem ganz anderen Rätsel stellen: Wie kann man als Außerirdischer unter Menschen leben, die wie jeder im Weltall weiß, zu Egoismus, Ehrgeiz und Gewalt neigen, sich kaum mit Technologie umgeben und auch auf den meisten anderen Gebieten extrem unterentwickelt sind?
Aber kann eine Gesellschaft, die Dinge wie Bücher, besonders die Gedichte von Emily Dickinson, Musik, Weißwein und Erdnussbutter hervorgebracht hat, wirklich so schrecklich sein?
Andrew muss lernen mit diesen und ganz anderen Gefühlen – warum bekommt er immer eine sonderbare Form von Muskelschwäche, wenn er Isobel ansieht? Wieso hat der echte Andrew seinen großartigen Sohn so lange vernachlässigt und wie kann er das nun wieder gutmachen? – zurechtzukommen und erkennt schließlich was Menschsein wirklich ausmacht.
„Lache. Es steht dir.“
Eine herzerwärmende und berührende Geschichte, an der der Autor lange Zeit geschrieben hat. Nicht zuletzt inspiriert durch seine eigenen Panikattacken, wobei diese Erfahrungen dem Text sehr zugute kommen und ihn dem Leser noch näherbringen. Auch wenn man anfangs vielleicht eher dazu tendiert zu lachen, vermehren sich besonders gegen Ende hin, Sätze und Sequenzen, die in ihrer Tiefe beinahe schon an Motivations- und Erbauungsliteratur im wortwörtlichen Sinne erinnern.
Meine Lieblingsstelle in dem Buch ist, als der „Vater“ seinem Sohn gewissermaßen eine Gebrauchsanweisung für ein glückliches Leben zusammenstellt.
„Versuch nicht immer cool zu sein. Das ganze Universum ist cool. Es sind die warmen Stellen, die zählen.“


Matt Haig – Ich und die Menschen
Dtv; € 15,40
Ha Jin - Nanking Requiem
Doris Mitteregger – Filiale Schönbrunner Straße

Es wird die Geschichte der amerikanischen Missionarin und Rektorin des Mädchen-Colleges Jinling, Wilhelmine „Minnie“ Vautrin aus der Sicht ihrer Freundin und engsten Vertrauten, der Chinesin Anling erzählt. Es beginnt im Dezember 1937 mit dem Fall der chinesischen Hauptstadt Nanking, dem Einmarsch der japanischen Armee, den Gräueltaten der Soldaten. Plündernd, vergewaltigend, mordend ziehen die Truppen durch die Stadt.
Rektorin Vautrin funktioniert das College zu einem Flüchtlingslager für Frauen und Mädchen um. Tausende finden hier Unterschlupf und Verpflegung und rettet so Tausenden Menschen das Leben.
Sie gibt alles in ihrer Macht liegende, um die Menschen zu retten, Freunde oder Fremde, doch es gelingt ihr nicht 29 Frauen zu schützen, die direkt vom Campus entführt werden, um als Prostituierte zu dienen. Eine von ihnen kehrt zurück, allerdings ist sie „verrückt“ geworden. Doch ist ihr auch kein gutes Ende beschert, denn sie kommt als menschliches Versuchsobjekt in ein bakteriologisches Labor der Japaner im Norden Chinas. Eine schwierige Situation für die „Göttin der Barmherzigkeit“, wie sie von den Einheimischen genannt wird, sie fühlt sich schuldig. Dieses Schicksal ist einer der Gründe für Minnie Vautrins Zusammenbruch und trauriges Ende.

Die Daten wurden aus Minnie Vautrins Tagebüchern und verschiedenen anderen Dokumenten und Publikationen entnommen und es entstand ein Roman der erschüttert. Man möchte nicht in der Haut der Protagonisten stecken – ein schlichter Antikriegsroman.

Ha Jin - Nanking Requiem
Ullstein; € 23,70
Christos Tsiolkas - Barrakuda
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Danny ist ein ehrgeiziger Bursche, er bricht frühmorgens zum Schwimmtraining auf, um sein großes Ziel, die Olympischen Spiele, zu erreichen. Ein Stipendium ermöglicht dem ältesten Sohn einer australischen Arbeiterfamilie den Besuch einer Eliteschule, wo er besondere Trainingsmöglichkeiten vorfindet. Seine Mitschüler aber schauen auf ihn herab, Respekt kann er sich nur auf der Schwimmbahn verschaffen. Er gewinnt mehrere Wettkämpfe, sagt sich immer wieder sein Mantra vor: Er ist der Beste, der Stärkste, der Schnellste!

Bis er einmal nicht gewinnt. Dieser Bruch mit dem für ihn Selbstverständlichen, diese Ahnung vom Verlieren lässt ihn verzweifeln. Er kommt damit nicht klar und wird vom (im Rennen gefürchteten) Barrakuda zum (in der Schule gefürchteten) Psycho, zum geächteten Außenseiter. Das Schwimmen ist abgehakt, er kann nicht mal mehr ins Wasser.

Was folgt ist ein verpfuschtes Leben mit Alkohol, Aggressionen, Gefängnis und die zunehmende Abkehr von seinen besorgten Freunden, in deren Gesichtern er nur mehr Mitleid sieht. Von Liebesbeziehungen liest man nichts, später ist er (zuerst im Gefängnis, dann auch mit seinem Partner Clyde) beim Sex unterwürfig, will den Schmerz spüren. Doch allmählich schafft er es, mit seiner Umgebung wieder klarzukommen. Es bleibt die Frage, (wie) kann ein neuer Start gelingen; kann die Familie, die er so enttäuscht hat, dazu beitragen; kann sogar das Schwimmen ein Teil davon sein?


Christos Tsiolkas - Barrakuda
Klett-Cotta; € 23,60
Lucinda Riley - Mitternachtsrose
Anna Rohrmüller – Filiale Praterstern

Rebecca Bradley kommt es gerade recht, eine Rolle in einem Film zu bekommen, der sich im Anwesen von Astbury Hall in Dartmont abspielt. Mehr als zufrieden mit der Ruhe, die im großen Gegensatz zu ihrem sonst so turbulenten Leben in Amerika steht, versucht sie komplett in ihre Rolle zu schlüpfen.
Dann kommt Ari Malik, ein indischer Geschäftsmann den das Vermächtnis seiner Urgroßmutter nach Dartmont führt. Gemeinsam mit Rebecca, deren Interesse geweckt wurde, versuchen sie hinter die Familiengeschichte der Astbury Dynastie zu kommen und geraten dadurch in ungeahnte Schwierigkeiten….

Ein unglaublich gut geschriebenes Buch, wie auch nicht anders erwartet. Auch dieses Buch von Lucinda Riley ist spannend, packend und traurig zugleich. Sie schafft es jedes Mal wieder, dass man sich fühlt als wäre man mittendrin im Geschehen. Auf jeden Fall zum Weiterempfehlen.

Mitternachtsrose – Lucinda Riley
Goldmann: € 20,60
Edward Rutherford - Im Rausch der Freiheit
Christiane Stohl - Filliale Graben

Mit einer Begeisterung für historische Entwicklungen entwirft Edward Rutherford ein vielschichtiges Porträt von New York. Alles, was die Geschichte der USA ausmacht, findet sich hier in einer Erzählung über vier Einwandererfamilien:

Zuerst sind es die Briten und Niederländer, die in die Neue Welt ziehen, um sich dort niederzulassen und zu handeln und natürlich die Indianer nach Strich und Faden auszubeuten.
Dann verfolgt der Leser mit, wie es der britischen Unternehmerfamilie der Masters über die Jahrhunderte hinweg gelingt, ihren wirtschaftlichen Wohlstand zu verteidigen: Bringen die Unabhängigkeitskriege der Familie noch Profit ein, so wird sie in späteren Jahrhunderten von sämtlichen Börsenkrisen geschüttelt.

Große Hauptakteurin des Romans ist aber zweifelsohne die Stadt New York und Umgebung. Historisch große Momente sind hier festgehalten: die Eröffnung der Niagarafälle, die Planung und der Bau des Empire State Buildings, an dem die italienische Familie der Carusos beteiligt ist. Ja, mit den Carusos bringt der Autor noch eine zum Schreien komische Seite ins Spiel!!

Wolkenkratzer, die in zunehmend schwindelerregenden Höhen errichtet werden, der Central Park als Drogenumschlagplatz und die Twin Tower, die gegen Ende des Romans mit dem Attentat vom 11.9.2001 wieder zum Fallen gebracht werden, entsprechen schon wieder mehr der Welt des Big Apple, so wie man ihn kennt. Aber fernab dieser Klischees gibt es noch allerhand über New York zu entdecken. Wer also einen Reiseführer der besonderen Art sucht und keine dicken Schinken scheut, werfe einen Blick hierein!

Edward Rutherford - Im Rausch der Freiheit
Heyne; € 15,50
Amanda Brooke – Für immer und einen Tag
Anna Rohrmüller - Filiale Praterstern

Emma ist neunundzwanzig, erfolgreich in ihrem Job und führt eine Beziehung mit ihrem Geschäftspartner. Doch dann erfährt sie, dass sie Krebs hat. Fünf Jahre lang kämpft sie dagegen an und als sie glaubt es endlich geschafft zu haben, ist der Tumor wieder zurück. Es bleibt ihr ein Jahr. In diesem einen Jahr will sie ihren Traum verwirklichen und ein Buch schreiben. Immer mehr zieht sie sich in ihre Fantasiewelt zurück, bis sie Ben kennenlernt, der ihr nicht nur hilft das Buch fertigzustellen, sondern ihr Erfahrungen und Abenteuer gibt, nach denen sie sich schon lange sehnte.

Ein unglaublich mitreißendes, trauriges, emotionales und beeindruckendes Buch von Anfang an. Einfach toll geschrieben.

Amanda Brooke – Für immer und einen Tag
Goldmann; € 10,30
Verena Roßbacher - Schwätzen und Schlachten
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

David Stanjic, Frederik von Sydow, Simon Glaser: drei junge Berliner in "Schwätzen und Schlachten". Der Titel ist Programm, wobei es doch mehr Geschwätz als Geschlachte gibt - und das ist absolut positiv gemeint! Ein Gedanke wird gesponnen, aber man muss erst über ein ganzes Spinnennetz kriechen, bis er zu Ende gedacht ist. Die drei Protagonisten verlieren sich in Nebensächlichkeiten und weeeeeitläufigen Ausführungen, kommen vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser hat seinen Spaß dabei. Oft hatte ich beim Lesen ein Grinsen im Gesicht oder musste laut lachen. Dies war nach den eher beschwerlichen ersten Seiten nicht abzusehen, denn man darf keinen normalen Roman oder gar Kriminalroman erwarten. Verena Roßbacher komponiert ihre Geschichten, und sie versteht ihr Handwerk. Oft werden einzelne Sätze in verschiedenen Situationen wiederholt, werden zu Running Gags ("sagt man das heutzutage überhaupt noch?" hör ich Sydow hier einwerfen). So wie die, in Österreich geborene, Autorin bewusst nicht-österreichische, berlinerische Ausdrücke verwendet und im Namen der Figur David (ebenfalls Ex-Österreicher) konsequent auf die Heimat draufhaut.

Die eingestreuten Scheindialoge der Autorin mit ihrem Lektor Olaf drosseln unerwartet das Tempo, sind oft amüsant, manchmal nervig. Diesen Olaf muss ich aber mal fragen, ob er die ersten 50 Seiten verschlafen hat. Da sind so viele Fehler im Text, dass ich das Buch fast weggelegt hätte! Oder ist auch das ein Kunstgriff? Denn nach einer langen gut lektorierten Phase kommt auf Seite 406 wieder ein Fehler, welcher der Korrektur entgangen ist. Ausgerechnet der Lektor sagt hier: "Ich finde es fair, dass ich für diesen Job viel mehr Geld bekommen (sic!) als du."

Ein unkonventioneller Roman, der, wenn man sich mal auf diesen Singsang eingelassen hat, seine volle Reife zu einer unterhaltsamen Lektüre entfaltet!


Verena Roßbacher - Schwätzen und Schlachten
Kiepenheuer & Witsch; € 25,70
Daniel Woodrell - In Almas Augen
Eugenie Straßer – Filiale Kärntner Straße

Ein Kaff in Missouri, eine lang zurückliegende Katastrophe und eine alte Frau, die halb wahnsinnig ist vor Wut und Ohnmacht in ihrem Kampf um Gerechtigkeit - das sind die Zutaten dieses nicht allzu umfangreichen dafür umso dichteren Romans.
1929 flog die Arbor Dance Hall in der Kleinstadt West Table in die Luft, zweiundvierzig Menschen kamen dabei ums Leben. Kein Unglück sondern ein Verbrechen, wie sich herausstellt – und nur die Schuldigen selbst wissen, wie es dazu kam. Dabei wird es belassen, alle – ausgesprochen halbherzigen - Versuche, den Fall aufzuklären, verlaufen im Sand. Nur wenige rütteln am Wall von Lügen und Schweigen, der West Table umgibt, allen voran Alma DeGeer Dunahew, deren Schwester Ruby bei der Tragödie ums Leben kam – worauf man die Unruhestifterin kurzerhand für verrückt erklärt. Und fast wird sie es tatsächlich ...
Raffiniert verwebt Woodrell Gegenwart und Vergangenheit, lässt Opfer und Täter zu Wort kommen und schildert ebenso klug wie poetisch ein Kleinstadtleben, das weniger beschaulich ist, als es scheint: unterschwellig gärt es, die unbewältigte Vergangenheit vergiftet die Gegenwart, die Toten aus der Tanzhalle finden immer noch keine Ruhe.
Wer mal wieder ein gutes Buch braucht…

Daniel Woodrell - In Almas Augen
Liebeskind; € 17,40
Thomas Meyer – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Bianca Dobler – Filiale Graben

Gottseidank mit Jiddischem Glossar!
Spezialbonus außerdem Matzenknödelrezept, dennoch im Taschenbuchregal!

Motti, eigentlich Mordechai Wolkenbruch, ein junger, orthodoxer Jude hat seine Mutter wirklich gern, obwohl sie ihm ständig Frauen zur Ansicht vorführt, die sie für ein Schwiegertochterdasein geeignet hält, weil irgendwie alle aussehen wie mame selbst. Dann trifft er auf der Universität Zürich allerdings eine neue Studienkollegin Laura und sie ist ganz anders, Sie trägt Jeans, hat sehr ansprechende Proportionen, trinkt auch schon mal etwas über den Durst und benutzt nicht nur in diesen Momenten nicht ganz „koschere“ Ausdrücke. Für Mame wäre klar: Laura ist eine Schickse.
Deswegen hat Motti jetzt noch ein Problem. Wem soll man folgen? Der bodenständigen Mutter und dem vorgegebenen Weg, der doch angeblich der richtige ist oder der hübschen, vom Nebentisch winkenden Schickse?

Thomas Meyer – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Diogenes; € 11,30
Johannes Gelich - Wir sind die Lebenden
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

"Nur ein Totes Meer ist ein gutes Meer!" Dies ist die bitterböse Quintessenz vom 'Manifest gegen das Meer' in Johannes Gelichs Roman Chlor aus dem Jahr 2006. Das war feinste Ironie auf höchstem Niveau!

In dieser Art geht es nun im neuen Buch weiter. In der Hauptrolle Nepomuk Lakoter, Mittvierziger, der dank eines Beinbruchs den ganzen Tag nur auf dem Kanapee liegt. Nach dem Motto "in meiner Passivität finde ich meine Freiheit" kümmert er sich um nichts, nervt seine Haushälterin und erwartet mit Schrecken die Besuche seiner ihn bevormundenden Schwester. Zwischendurch verfasst er böse Beschwerdebriefe wegen Warteschlangen in Postfilialen und unpassenden Münzschlitzen in Einkaufwagerln. Seine herrlich grantige Grundstimmung und die eigenwilligen Gedankengänge entzünden ein Feuerwerk an Sarkasmus - Johannes Gelich ist wieder ein wunderbar satirischer und sehr vergnüglicher Roman gelungen!


Johannes Gelich - Wir sind die Lebenden
Haymon; € 19,90
Marie – Sabine Roger – Das Leben ist ein listiger Kater
Bianca Dobler – Filiale Graben

Nach den Erfolgen, die schon die Vorgänger „Das Labyrinth der Wörter“ und „Der Poet der kleinen Dinge“ einbrachten, beschert uns die Autorin mit ihrem neuesten Werk eine weitere kleine Perle Literatur, wie sie nur schwerlich zu finden ist.
Herzlich beschreibt der alte Jean – Pierre, die Tage im Krankenhaus, die sich meist dahin ziehen, wenn man kaum Besuch bekommt. Er wurde von einem jungen Passanten aus der Seine gerettet, in die gefallen war, wobei er allerdings sein Gedächtnis verloren hat. Jean - Pierre ist verwitwet, kinderlos und auch irgendwie immer ein Sonderling gewesen, aus Langeweile schreibt er deswegen nun an seinen Memoiren. Allerdings findet sich dennoch kaum Zeit dafür, weil ihm ständig jemand dazwischenfunkt: die junge, etwas übergewichtige Maeve, die immer seinen Laptop verwenden möchte, um „schnell etwas auf Facebook zu checken“, Maxime, der junge Polizist, der herauszufinden versucht, wie Jean – Pierre in die Seine gefallen ist, die herzliche Krankenschwester Myriam, die sogar den alten Griesgram mit seinem Galgenhumor liebgewinnt und dann natürlich nicht zu vergessen, Camille, der Student, der nebenher als Prostituierter arbeitet, um sein Studium und seine Unterhalt zu finanzieren.
Nach und nach gelingt es diesem schrägen Kreis Jean – Pierre das Leben wieder etwas schmackhafter zu machen, vielleicht ist es doch nicht so schlimm auf der Erde zu sein, wenn man nur Freunde hat, mit denen man gute und schlechte Momente genießen und teilen kann...

Bereits 2012 auf Französisch erschienen, wurde die Geschichte um den alten, einsamen Kauz noch im selben Jahr mit dem Prix des Lecteurs de l’Express ausgezeichnet und sogar eine Verfilmung ist schon in Planung.

Ein wunderschönes Buch für die ersten, warmen Frühlingstage!

Marie – Sabine Roger – Das Leben ist ein listiger Kater
Atlantik Verlag; € 20,60
Donna Tartt – Der Distelfink
Bianca Dobler – Filiale Graben

Als Theodor Decker 13 Jahre alt ist, verändert sich sein Leben mit einem Schlag oder vielmehr mit einem Knall.
Sein Vater hat die Mutter und ihn schon vor Jahren verlassen, so ist sie als Theos einzige Bezugsperson Dreh- und Angelpunkt seines Daseins. Doch als im Museum of Modern Art in New York an diesem besonderen Tag eine Bombe explodiert, verliert er auch sie. Aus unerfindlichen Gründen hat er nicht nur überlebt, sondern konnte auch noch ein Gemälde von unschätzbarem Wert aus der Galerie mitnehmen, nachdem ab sofort die gesamte Welt sucht.

Die Faszination, die „Der Distelfink“ auf ihn ausübt, lässt aber auch in den folgen Jahren nicht nach, sie zieht ihn nur immer tiefer in psychische und kriminelle Abgründe.
Diese Geschichte ist auf eine solch packende Art und Weise geschrieben, dass auch der geneigte Krimileser, jeder kunstinteressierte Romanliebhaber und jeder Freund von psychologisch klug gestrickten Erzählungen, sich dem Bann nicht entziehen und das Buch zur Seite legen kann.

Versinken Sie in 1000 lohnenswerten Seiten, wovon jede einzelne die vorhergegangene an Spannung überbietet!

Donna Tartt – Der Distelfink
Goldmann; € 25,70
Catherina Geiselhart – Ain’t No Sunshine. Eine Liebesgeschichte aus Paris
Bianca Dobler – Filiale Graben

Julian und Lena begegnen sich an der Fontaine Saint – Sulpice und verlieben sich unter den Lichtern des Brunnens. Beständig von dem kleinen Liebesgott Cupido bewacht, der die Entwicklung seines Projekts auch in einzelnen Kapiteln kommentiert, beschließen die beiden zu heiraten. Sie sind der festen Überzeugung, sie würden zusammengehören bis in alle Ewigkeit, nachdem sie solch zahlreiche Hindernisse überwinden mussten. Doch als Julian mit dem Auto verunglückt, bricht Lenas Welt zusammen, sie weigert sich lange seinen Tod hinzunehmen, hört auf zu sprechen und erfindet sich stattdessen eine Traumrealität mit ihrem Geliebten.
Als sie aber doch erkennt, dass die Flucht so Julian nicht zurückbringen wird, entscheidet sie wieder glücklich zu sein und zu leben.

Eine tragisch schöne Liebesgeschichte vor der romantischen Kulisse der Welt.
Für Fans von Jojo Moyes!

Catherina Geiselhart – Ain’t No Sunshine. Eine Liebesgeschichte aus Paris.
Schwarzkopf & Schwarzkopf; € 15,40
Horst Evers – Wäre ich du, würde ich mich lieben
Bianca Dobler – Filiale Graben

Gottseidank schreibt Horst Evers in deutscher Sprache, sonst könnten Sie seine Bücher eventuell aufgrund mangelnder Übersetzung durch „ökonomische Zensur“ nicht lesen...
Woher sonst bekämen Sie Rat, wenn auch in Ihrem E-Mail-Postfach plötzlich ergierte Wurstbrote beworben würden?
Haben Sie aber vielleicht auch das Gefühl, Ihre Ärztin würde Sie sehr gerne haben, wenn sie Ihnen Medikamente gegen Grippe verschreibt? Schickt Ihnen die Mutter Ihrer Exfreundin auch noch ungenießbare Salami? Erlebte Ihr Sohn schon einmal den gesellschaftlichen Absturz, wenn ihm beim Besuch im übervollen Schwimmbad während der Ferienzeit gesagt wurde, seine Badehose sei „schwul“?
Wissen Sie, wie man das Licht am Flughafen abschalten kann oder träumen Sie drehbuchartig, dass Hitler, Goebbels, Göring und Himmler als Meerschweinchen wiedergeboren werden?
Wenn ja, dann sollten Sie dieses Buch definitiv in Ihre Leseliste aufnehmen. Aber auch, wenn Sie diese Fragen nicht positiv beantworten, dürfte es von Interesse sein, wie man ein Einkaufszentrum mit dem Namen „Wohlfühlshopping“ umgeht, wenn man dort doch wieder mit Dingen wie „Rentenversicherungslücken“, „Triebkopfschäden“, „Leberzirrhose“ und „Currywurstsmoothies“ konfrontiert wird, oder auch wie man sich als Trendsetter dem neuen Wintervergnügen des „S-Bahn-Waiting“ hingibt, wenn bei der ersten Schneeflocke der gesamte öffentliche Verkehr zusammenbricht.
Aber Sie können das Buch auch einfach nur lesen, wenn Sie bislang nicht wussten, dass die weibliche Sucht nach Schuhen eigentlich eine Hommage an das Märchen um Aschenputtel ist.
Ganz egal aus welchen Gründen, lesen wäre empfehlenswert, wenn Sie auf der Suche nach wirklich witziger Lektüre sind.

Horst Evers – Wäre ich du, würde ich mich lieben
Rowohlt; € 17,50
Thomas Willman – Das finstere Tal
Christine Stohl – Filiale Graben

Ein entlegenes Bauerndorf in den Bergen, in das ein unwillkommener Gast von außen eindringt. Rau wie das Klima sind die Menschen dort, die den Fremden misstrauisch beäugen: Was der junge Mann, der sich als Maler ausgibt, hier zu suchen hat?

Ein Beutel Geld stimmt bald mal die Gesellschaft um, und so kann sich der Fremde, indem er die dort Macht habende, ureingesessene „Brenner“ Familie besticht, Bleiberecht erkaufen und wird über den Winter am Rande des Dorfes bei einer Witwe und ihrer Tochter einquartiert.

Das erste Drittel des Buches ist sehr atmosphärisch. Angepasst an Ort und Zeit der Handlung – die Alpen im 19. Jahrhundert - ist die Sprache sehr bildmächtig, geschliffen und wechselt stellenweise in die Mundart. Mit dem Auftreten rätselhafter Unfälle bekommt der Roman eine unerwartete Wende. Von da an überschlagen sich die Ereignisse : Es wird brutal, aber ebenso auch komisch bis zum Abgang des Helden, der mit seinem Maultier der Sonne entgegen reitet...I´m a poor lonesome cowboy and a long way from home.

Der mit dem Stuttgarter Krimipreis prämierte Roman ist derzeit in der Verfilmung mit Tobias Moretti in der Hauptrolle zu sehen!

Thomas Willman – Das finstere Tal
Ullstein; € 10,30
Elisabeth de Waal – Donnerstags bei Kanakis
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ein Roman aus dem Wien der 50er Jahre und die Beschreibung eines Wiener Lebens aus der Sicht einer Wienerin. Kurz vor Abschluss des Staatsvertrages treffen wöchentlich Künstler, Schauspieler und andere Freigeister im Salon des reichen Theophil Kanakis zusammen, um die letzten Erinnerungen an die Kriegswirren bei Genuss und Exzess zu verdrängen.
In diesen dekadenten Zirkel geraten auch der jüdische Wissenschaftler Kuno Adler, der gerade aus dem New Yorker Exil zurückgekehrt ist, und die junge, schöne Amerikanerin Marie-Theres. Beide sehen sich mit unmoralischen Sitten und einem ihnen unverständlichen Werteverfall konfrontiert, der sie schließlich ins Verderben führt.

Der Leser erlebt eine exorbitante Milieuschilderung, ein Sitten- und Zeitpanorama einer Stadt, die noch unter den Schrecken des Krieges leidet. Auch die Autorin selbst wurde noch Opfer antisemitischer Ansichten und rassistischer Äußerungen, es sind die Konfrontationen der Protagonisten also nicht reine Fiktion.

Zusätzlich wird, wie schon im Werk des Enkels, ein Spaziergang durch die innersten Bezirke einer untergegangenen Stadt geboten. Nicht nur jede einzelne Sehenswürdigkeit und die mittlerweile vielleicht zu Ehrengebäuden gewordenen Häuser haben ihren einzigartigen Platz im Roman, sondern auch jedes Wort hat diesen gefunden.

Mit einem Vorwort des Enkels Edmund de Waal, Autor von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“
Auch im englischen Original „The Exile returns“ erhältlich.

Elisabeth de Waal – Donnerstags bei Kanakis
Zsolnay; € 20,50
Anthony McCarten – funny girl
Bianca Dobler – Filiale Graben

Anzime ist eigentlich ziemlich schüchtern. Mit ihren zwanzig Jahren ist sie in London als Kind kurdischer Eltern aufgewachsen. Osten oder Westen, Burka oder sexy Kleidung, Islam oder liberal – Regeln, die ihr zeigen, was sie sein soll oder darf, gibt es kaum.
Dann verliebt sich ihre Schulfreundin, stirbt allerdings unter mysteriösen Umständen und Anzime, die nachzuforschen beginnt, wird auch noch Zeugin eines Terroranschlags in der U-Bahn, die zahllose Opfer fordert. Jetzt ist ihr klar, dass sie etwas unternehmen muss. Heimlich besucht sie also Comedy-Kurse und tritt als weltweit erste muslimische Komikerin in Burka auf. Sie bleibt aber nicht unerkannt.
Ihre Familie fürchtet die Schande und verstößt sie, die englische Presse feiert sie, aber auf ihren Internetseiten liest Anzime vorwiegend Morddrohungen.
Es wird nicht nur ernst, sondern auch immer skurriler und komischer, die Situation droht zu eskalieren, aber es kommt ersten immer anders und zweitens als man denkt.

Anthony McCarten – funny girl
Diogenes; € 22,60
Patt Smith – Traumsammlerin
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ihr unverkennbarer Stil durchzieht auch die Gedichte der Sängerin. Unsentimental und direkt lässt sie Momente ihrer Kindheit und Jugend aufblitzen und erzählt von den Höhen und Tiefen des Lebens. Lieder sind für Patti Smith nur gesungene Lyrik und genauso sollte man diese Gedichtsammlung lesen und das kleine Büchlein danach eigentlich in sein Musikregal neben ihren Alben einordnen.
Bereits vor 20 Jahren erschienen, liegt nun endlich auch eine deutsche Übersetzung vor.

Patt Smith – Traumsammlerin
Kiepenheuer&Witsch; € 17,50
Dee Dee Ramone – Chelsea Horror Hotel
Bianca Dobler – Filiale Graben

Das New Yorker Chelsea Hotel ist seit Jahrzehnten ein berühmter und berüchtigter Zufluchtsort für Künstler, Aussteiger, Junkies, Alternative und Avantgardisten aller Art.
William S. Burroughs schrieb in Zimmer 702, Janis Joplin verbrachte auf Nummer 104 eine Nacht mit Leonard Cohen, Dylan Thomas soff sich auf Zimmer 208 mit Hilfe von Whiskey zu Tode, Arthur C. Clarke empfing während der Arbeit an „2001: A Space Odyssey“ regelmäßig Stanley Kubrick auf 322. Auf Nummer 302 gibt es einen Friseur-Salon, zu dessen Kundenstamm nicht nur Mary J. Blige, sondern auch Avril Lavigne und Jerry Seinfeld gehören sollen. Zimmer 100 gehört zu den Pilgerorten für Sinnsuchende und „Sex Pistol“ –Fans, seit dort Sid Vicious angeblich seine damalige Freundin umgebracht haben soll. Auch Jack Kerouacs „On the Road“ sei hier entstanden.
Genau der richtige Schauplatz also für den Roman des Kult – Musikers. Eine schräge Odyssee durch Manhattan zusammen mit DeeDee, seiner attraktiven Frau Barbara und dem Hund Banfield, stets in Begleitung des Lesers, der mitgenommen auf die Reise, einem Sammelsurium von exzentrischen und sonderbaren Charakteren, halbtot oder untoten Dämonen, albtraumartigen Visionen, Punkrocker – Geistern und schlussendlich Satan selbst begegnet.
Ein Muss für Liebhaber schräger Geschichten, sehr individueller „Reise- oder Szeneführer“, für Fans von Irvine Welsh, Hunter S. Thompson und John Niven oder Entdecker von New Yorks dunkler Seele.

Dee Dee Ramone – Chelsea Horror Hotel
Milena; € 19,90
Robert Menasse – Doktor Hoechst
Christine Stohl – Filiale Kärntner Straße

Über sechs Jahrzehnte hat Goethe an der uns heute vorliegenden Faustfassung geschrieben. Wie lange wohl Menasse an diesem Roman gearbeitet hat? Ihm war zumindest schon das Gerüst der Handlung vorgegeben. Amüsant die Anlehnung an den Goetheschen Faust: Der mephistophelische Pudel ist ferngesteuert, Mephisto ist in Gottlieb umgetauft, Grete in Gräten (wie Fischgräte), die Hexenküche ist ein chemisches Labor. Dennoch entwickelt Menasse was gar und gar Eigenständiges: Faustisch geht es in dieser ewig ausgebeuteten Welt des immer mehr Habenwollens und Grenzenauslotens allemal zu: Doktor Hoechst, Manager eines Weltkonzerns, gibt den alten Faust, der heutzutage allerdings nicht mehr nach dem Unendlichen und Höheren strebt, sondern nach wirtschaftlichem Erfolg,Wachstum und Profit.

Erlebnistouren in Auschwitz, Verkauf von Reaktoren ausgerechnet an Japan, in dem noch heute die Langzeitfolgen des nuklearen Bombardements in Hiroshima und Nagasaki spürbar sind, führen die Skurrilität und Härte dieser Machenschaften vor Augen.

Mal parodistisch, mal ernüchternd, manchmal vielleicht etwas zu moralisierend: Menasse ist eine interessante, sehr treffende Gesellschaftsanalyse gelungen in Form einer Vater-Sohn- Geschichte!

Schade, dass das Burgtheater die Inszenierung des Stücks 2009 abgelehnt hat- aber bekanntlich stirbt ja die Hoffnung zuletzt und so hoffe ich auf eine ordentliche Würdigung dieses Werks nicht nur auf Deutschlands Bühnen!

Robert Menasse – Doktor Hoechst
Zsolnay; € 15,40
Thomas Glavinic - Das größere Wunder
Roswitha Fuchs – Filiale Höllrigl

Jonas ist Tourist in einer Todeszone, er nimmt an einer Expedition zum Gipfel des Mount Everest teil. Während des qualvollen Aufstiegs begleiten ihn Erinnerungen an all die vielen schönen, schrecklichen, einsamen, leidenschaftlichen Momente seines Lebens. An seine lieblose, kranke Mutter, an seinen besten Freund Werner und dessen dubiosen, aber großzügigen Großvater Picco, the Boss, bei denen er aufwächst. An das furchtbare Schicksal seines geliebten Bruders Mike. An seine vielen rastlosen Reisen rund um die Welt. An seine große Liebe Marie, die alles verändert.
Ein Buch mitreißend und packend mit enormer Sogkraft. Und: keine Dokumentation kann die teils brutalen Gegebenheiten und Zustände in den Lagern am Everest so detailliert und deutlich beschreiben wie dieses Buch.

Thomas Glavinic - Das größere Wunder
Hanser; € 23,60
Henry de Monfreid: Die Geheimnisse des Roten Meeres
Viktoria Fuß – Filiale International

Henry de Monfreid wurde als Sohn eines französischen Malers und Kunstsammlers geboren und war mit zahlreichen Künstlern (unter anderem Paul Gauguin) befreundet. 1913 kündigt er seinen frustrierenden Ingenieursposten und beschließt, sich von nun an in Dschibuti als Perlenfischer und Waffenschmuggler zu versuchen. In seinem autobiographischen Roman "Die Geheimnisse des Roten Meeres" erzählt er von seinen Erlebnissen auf hoher See, den Auseinandersetzungen mit den örtlichen Regierungen und den Gepflogenheiten der Einheimischen. Mit einer bilderreichen Sprache, manchmal auch mit spitzer Zunge, beweist er, dass er sich nicht nur zu den modernen Abenteurern sondern auch zu den Schriftstellern zählen kann.

„Nach zwei Tagen Aufenthalt fahren wir wieder aufs Meer, an einem klaren, windigen Morgen, wie er für Assab üblich ist, denn nirgends auf der Welt weht mehr Wind als hier. Der Mistral, auf den die Marseiller so stolz sind, wirkt reichlich harmlos im Vergleich zu dem Südostwind, der während des ganzen Wintermonsuns der Länge nach ins Rote Meer hineinbläst."

Henry de Monfreid: Die Geheimnisse des Roten Meeres
Unionsverlag, € 20,50
Franz Hohler - Gleis 4
Michaela Foresto - Frick International

Eigentlich möchte Isabelle einen unbeschwerten Urlaub in Italien verbringen. Am Bahnhof hilft ihr ein älterer Herr den Koffer die Stiegen hinaufzutragen und als er oben angekommen ist bricht er tot zusammen. An einen Urlaub ist nun nicht mehr zu denken. Wie in einem Krimi beginnt eine spannende Spurensuche und Isabelle ruht nicht eher, bis sie herausgefunden hat, woher der tote Mann kam, und wohin er wollte. In einer nüchternen und schnörkellosen Sprache erzählt Franz Hohler eine Geschichte, die gut unterhält.

Franz Hohler - Gleis 4
Luchterhand; € 18,50
Angelika Waldis - Aufräumen
Michaela Foresto - Filiale International

Luisa hat genug von ihrem angepassten Leben und beschließt aufzuräumen. Drei Männer möchte sie loswerden: Ehemann Alfred, Schwiegersohn Roman und Doktor Hausammann. Mit Gift im Koffer macht sie sich auf die Reise. Im Zug trifft sie auf den eigenartigen Flack, der aus einer psychiatrischen Klinik ausgebrochen ist und ihre Reisepläne völlig durcheinander bringt. Mit ihm erfährt sie wieder die Lust am Unsinn und den Spaß am Absurden.
In den Anfängen erinnert der bissige und tiefschwarze Humor an Ingrid Nolls Romane. Doch in den Rückblenden, in denen wir erfahren, was alles schief gelaufen ist, gibt es sehr viele leise melancholische Zwischentöne. In berührenden Bildern erfahren wir mehr aus dem Familienleben, vom Schmerz von der Liebe und ihrer Wut. «Die Schnuppe fiel, der Kauz klagte, der Ahorn rauschte, die Matratze roch, das Leben war.»

Angelika Waldis - Aufräumen
Europa Verlag Zürich; € 18,50
Einzlkind - Gretchen
Veronika Krenn - Frick International

Gretchen hat alles. Schutzumschlag und Lesebändchen. Landeier und Diven. Macht auch alles mit einem. Ahs und Ohs und Hahas. Unterhält auf gute, schräge Weise, endet mit einem guten Schluss. Alle sollten diese Geschichte über Gretchen lesen. Die vom
Gericht für vier Wochen auf eine kleine Insel verbannt wird. Mitten im Nirgendwo. Um ein Theater zu inszenieren. Macht ihr keinen Spaß, der großen Intendantin aus Wien. Ist den Leuten egal. Da muss sie jetzt durch. Bis zum
Ende.

Einzlkind - Gretchen
Edition Tiamat; € 18,50
Alex Capus - Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer
Roswitha Fuchs – Filiale Höllrigl

Drei historische Figuren, die alle von einem anderen Leben träumen, treffen 1924 kurz aufeinander, werden sich nie wieder sehen und bleiben doch auf eigentümliche Weise miteinander verbunden.
Laura d Oriano will Sängerin werden und wird als Spionin hingerichtet. Emile Gillieron wird nicht Künstler, sondern Fälscher. Und Pazifist Felix Bloch hilft beim Bau der ersten Atombombe.
Capus verbindet starke Porträts, exakt recherchiert, lakonisch und heiter zu einem spannenden Roman.

Alex Capus - Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer
Hanser; € 20,50
Ian McEwan - Honig
Karin Brandl - Frick International

Ian McEwan entführt uns diesmal ins triste Großbritannien der frühen Siebziger Jahre. Die Cambridge Absolventin Serena wird über Vermittlung ihres Liebhabes beim britischen Geheimdienst MI5 aufgenommen und gerät in einen Strudel von Ereignissen, die ihr bald über den Kopf wachsen. Ein beeindruckendes Sittenbild des Vereinigten Königreiches zwischen Erdölkrise, sozialen Unruhen und IRA-Terrorismus

Ian McEwan - Honig
Diogenes; € 23,60
Else Feldmann – Die Travestie der Liebe und andere Erzählungen
Bianca Dobler – Filiale Graben

„Mein größtes Vergnügen und liebste Unterhaltung war es, Menschen zu beobachten. Nichts entging mir – kein Wort, kein Zucken in einem Gesicht, kein Lächeln der Qual oder der Freude.“

Mit solchen Sätzen schafft die Autorin es ihren Leser zu fangen, zu fesseln und in ihren engen, kleinen aber pointiert geschilderten Kosmos zu entführen. Sie erzählt von Frauen verschiedenen Alters: manche noch an die wahre Liebe glaubend, andere schon längst desillusioniert, einige sich selbst prostituierend und andere sich in Klatsch und Tratsch flüchtend – alle irgendwie auf der Flucht vor sich selbst. Alle sind sie auch unterdrückt und ausgebeutet, ökonomisch, sozial und erotisch.
1884 in eine jüdische Familie geboren erlebt Feldmann zusammen mit ihren sechs Geschwistern eine Kindheit in Armut. Sie arbeitet als Journalistin und freie Mitarbeiterin für die „Arbeiter – Zeitung“ und genau diesen Hintergrund kann man auch in ihren Werken deutlich erkennen. Ihr bekanntester Roman „Der Leib der Mutter“ wurde von den Nationalsozialisten auf die „Liste der verbotenen Bücher“ gesetzt, was sicherlich auch eine Ursache dafür ist, dass sie fast in Vergessenheit geraten ist.
Umso erfreulicher, dass diese bemerkenswerten Kurzgeschichten, Porträts eines Wien der Arbeiter und der Verelendung, aber an Authentizität kaum zu übertreffen, nun wieder neu entdeckt werden können.

Else Feldmann – Die Travestie der Liebe und andere Erzählungen.
In der Reihe: Wiener Literaturen. Hrsg. Alexander Kluy
edition atelier; € 18,95
Lily Brett - Lola Bensky
Patrycja Pilarska – Filiale Keplerplatz

Unbeschwert liest sich dieses Buch, das von Lolas Arbeit für ein australisches Rockmagazin, dem Kampf gegen ihr Übergewicht aber auch von der tragischen Vergangenheit ihrer Eltern im Konzentrationslager erzählt. Mühelos wechselt die Autorin von den Interviews mit den Stars der 60er, wie Jimi Hendrix, Cher und Mick Jagger zu den Selbstgesprächen über die Gräuel der Vernichtungslager von Lolas Mutter und weiter noch zu Lolas eigenem Kalorientabellen-Gedankenmonolog. Was ich hier zu beschreiben versuche, ist ein wundervoller, flüssig lesbarer, autobiografisch gefärbter Roman, witzig, klug, authentisch und leider viel zu schnell ausgelesen.

Am Anfang dachte ich, dass ich möglicherweise keinen Bezug zu den Themen des Buches finden könnte (mal abgesehen vom Übergewicht, zu dem Thema hat jede Frau einen Bezug), wurde aber schnell vom Gegenteil überzeugt. Lily Brett hat mich mit ihrer ehrlichen, unverkrampften Art zu schreiben für sich gewonnen und ich bin sicher das wird sie auch bei Ihnen schaffen (wenn sie es nicht ohnehin schon getan hat)!

Lily Brett – Lola Bensky
Suhrkamp; € 10,30
Hunter S. Thompson - Die Rolling Stone Jahre
Bianca Dobler - Filiale Graben

Als der Journalist in den 70er Jahren nach Washington kam, war sein Name in den einschlägigen Kreisen noch unbekannt, aber die Zusammenarbeit mit dem renommierten Magazin sorgte für eine rasante Änderung dieses Umstandes. Zwar gilt er immer noch, nicht zuletzt durch die beiden Verfilmungen seiner Romane, als exzentrischer und verrückter Zeitgenosse, stets auf Drogen und Alkohol, immer auf der Reise, ein notorischer Frauenheld, aber seine Sprache, seine Art der Darstellung aktueller politischer, kultureller und gesellschaftlicher Großereignisse sucht genau so noch seinesgleichen. Direkt und ehrlich ist er das Sinnbild für offenen, neuen Journalismus, die Stimme einer Gegenkultur! Als Erstem gelang es ihm das Vertrauen der berüchtigten Hell’s Angels zu gewinnen und mit ihnen zu fahren, die Berichte aus dieser Zeit sind bereits legendär und auch in einem eigenständigen Werk nachzulesen.
Dieses Buch versammelt alle relevanten Artikel und Briefe aus den Jahren der Zusammenarbeit mit dem Rolling Stone Magazine: Die hervorragenden Reportagen zum Wahlkampfen und insbesondere sein bevorzugter „Feind“ Richard Nixon, Berichte über historische Boxkämpfe und die Darstellung einer unruhigen Zeit in einem ungewöhnlichen Stil, von Thompson selbst als „Gonzo – Journalismus“ bezeichnet, ergeben nicht nur eine spannende Biographie der Jahre 1970 bis 2004, sondern auch eine Biographie des Autors selbst. Sein Werdegang und die berufliche und künstlerische Entwicklung als Autor, Journalist und Poet in einer bewegten Phase der jüngeren Zeitgeschichte.
Nicht nur Textsammlung, sondern auch Selbstporträt und Geschichte werden hier stimmig zusammengeführt!

Hunter S. Thompson - Die Rolling Stone Jahre
Heyne Hardcore; € 25,70
Irvine Welsh – Skagboys
Bianca Dobler – Filiale Graben

Zwanzig Jahre nach dem Bestseller „Trainspotting“ treffen wir Mark Renton, den etwas eigenwilligen Helden wieder. Dieses Mal erzählt Irvine Welsh die Vorgeschichte zum bekannten Szenario.
Mark sollte eigentlich glücklich sein: Er ist jung, verliebt und hat Spaß am Leben. Doch die Achtziger Jahre in England unter der Regierung von Margarete Thatcher sind erfüllt mit Versprechungen von Wohlstand, gesicherten Arbeitsplätzen und optimaler Bildung für alle, die nicht eingehalten werden. Als zudem noch sein jüngerer Bruder stirbt, kann Mark auch von seiner Familie keinen Rückhalt mehr erwarten. Einzig seine Freunde sind für ihn da und versorgen ihn nicht nur mit mehr oder weniger hilfreichen Ratschlägen, sondern vor allem auch einer Menge Heroin. Eine wilde Reise durch eine Welt von Popmusik, MTV, Drogen, AIDS, Beschaffungskriminalität, Entzug, Gewalt und Sex, der Leser wird auf über 800 Seiten in einer Achterbahnfahrt sämtliche Höhen und Tiefen Marks miterleben. Dadurch wachsen ihm die Figuren noch mehr ans Herz, aber auch eingefügte Tagebucheinträge aus der Entzugsanstalt, die in handschriftlicher Form abgedruckt sind und intensive Einblicke in die Psyche erlauben, vermitteln zusätzlich ein Gefühl von Unmittelbarkeit und Nähe zum Protagonisten.
Der Roman überzeugt besonders durch den direkten Stil, die harte, authentische Sprache und die Gesellschaftskritik, ist aber ganz sicher nichts für schwache Nerven!

Irvine Welsh – Skagboys
Heyne Hardcore; € 25,70
Stefan Zweig - Die Welt von Gestern
Christine Stohl – Filiale Kärntner Straße

Die ersten Autos ersetzen Kutschen, elektrische Straßenlampen Kerzen, die Erfindung von Telefon und Radio revolutioniert die Nachrichtenübermittlung. Stefan Zweigs Schilderung der „Welt von gestern“ reicht viel weiter und geht zurück zu den Anfängen erster Parteienbildung, zu der Rolle des Judentums, das das Wien der Jahrhundertwende zu kultureller Höchstform geführt hat.

Noch aufgewachsen mit Haydns Hymne an den Kaiser, wird Zweig Zeuge von Kaiser Karls Vertreibung ins Exil. Er selbst rettet sich vor dem Ersten Weltkrieg in das neutrale Nachbarland. Die Schweiz wird für ihn im Kleinen das, was er sich für das große Europa erhofft: ein Ort kosmopolitischer Lebensweise, bis dieser sich als das Eldorado für Spione entpuppt.

Die Schrecken des Ersten Weltkriegs stehen noch lebendig vor Augen- die Geldentwertung, die so sehr ins Bodenlose gefallen war, dass man für ein Ei an Kronen hinlegte, was man früher für einen Luxuswagen hätte aufwenden müssen. Da erlebt Zweig nach einer kurzen Episode der Erholung und des Wiederaufbaus ein zweites Mal Europa im Krieg.

Eben war er noch gefeierter Schriftsteller deutscher Sprache und schon zum Bestseller-Autor avanciert, nun sieht er sich mit Aufführungsverbot konfrontiert und Bücherverbrennung.
Nach einem allgemeinen Blick auf eine Epoche widmet sich der Autor zunehmend persönlichen Ereignissen. Es zeichnet sich der Weg eines Künstlers ab von seinen Anfängen als Verhaerens-Übersetzer bis hin zum Librettisten für Richard Strauß und Verfasser zahlreicher Biografien. Das ist Weltliteratur par excellence: spannend, informativ und berührend!

Stefan Zweig - Die Welt von Gestern
Fischer; € 12,30
Lena Gorelik - Die Listensammlerin
Bianca Dobler – Filiale Graben

Hochgelobt wurden schon die vorhergegangenen Werke der jungen Autorin, nun erschien eine neue und mitreißende und herzliche Geschichte mit manchmal etwas schrägen, aber liebenswerten Charakteren, die man sofort in Herz schließen muss.
Sofia ist mit dem Leben als Hausfrau und Mutter noch etwas überfordert, überdies wird ihre Tochter demnächst am Herzen operiert und die eigene Mutter und auch die Großmutter brauchen ebenfalls ihre Hilfe. Um sich zu organisieren legt sie leidenschaftlich gerne Listen, wenn auch zu absurden Themen, an . dann stößt sie in der Wohnung der Großmutter auf ebensolche in kyrillischer Schrift: Es gab eine weitern Listensammler. Ein Onkel Grischa, den die Familie lieber vergessen hätte, weil er ein solcher schrulliger Querkopf gewesen ist. Außerdem hat er sich im Untergrund engagiert, als die Familie flüchten musste, und damit zusätzlich alle in Gefahr gebracht. Anhand vergilbter Zettel macht sich Sofia auf die Suche nach den dunklen Geheimnissen ihrer Familie. Sie muss erkennen, dass die Vergangenheit immer noch enormen Einfluss auf das Heute hat, und was Familie und Fremdheit, aber genauso Zusammengehörigkeit bedeuten können.

Lena Gorelik - Die Listensammlerin
Rowohlt; € 20,60
Eowyn Ivey - Das Schneemädchen
Patrycja Pilarska - Filiale Praterstern

Jack und Mabel wagen trotz ihres fortgeschrittenen Alters einen Neuanfang in Alaska. Die Fehlgeburt zehn Jahre zuvor, das Mitleid, das sie nicht mehr ertragen kann und die Schuldgefühle, die sie hat, treiben Mabel zur Flucht. Lange genug haben sie und ihr Mann sich voneinander entfernt, jeder in seinem eigenen Schmerz versunken, die Einsamkeit und wilde Schönheit Alaskas soll sie wieder einen. Doch die raue Umgebung macht den beiden den Start nicht einfacher, statt näher zu rücken und zusammenzuhalten, wird die Kluft zwischen ihnen immer größer.

Als im Winter der erste Schnee fällt, erfasst die beiden eine lange nicht mehr dagewesene, kindlich ausgelassene Stimmung. Sie veranstalten eine Schneeballschlacht und bauen zusammen ein Schneemädchen…am nächsten Tag ist die kleine Schneeskulptur verschwunden, nur ein paar Fußspuren führen von der Stelle weg, wo sie zuvor gestanden hatte…

Basierend auf dem russischen Märchen vom Schneemädchen (Sneguretschka) hat Eowyn Ivey eine stille, schwermütige und dennoch hoffnungsvolle Geschichte geschaffen. Berührend, vereinnahmend und von schlichter Schönheit – ein wunderbares Buch für die nahenden Wintertage und auch alle Tage davor und danach!

Eowyn Ivey - Das Schneemädchen
Kindler; € 20,60
Nicolas Barreau – Menu d’amour. Eine Liebesgeschichte mit Rezepten.
Bianca Dobler - Filiale Graben

Der junge französische Bestsellerautor verwöhnt uns dieses Mal nicht nur mit einer romantischen Erzählung, sondern auch noch mit einer Sammlung seiner persönlichen Lieblingsrezepte.
Die junge, strahlende Studentin ist für Henri der Hauptgrund das Seminar zu besuchen, auch wenn er für Valérie nur ein guter Freund ist. Als sie auch noch einen anderen kennenlernt und sich scheinbar Hals über Kopf verliebt, ist Henri am Boden zerstört. Doch in einem kleinen Geschäft entdeckt er eine Art obskuren, alchemistisches Handbuch inklusive eines Rezepts für „Elixier d’amour“ und beschließt für seine Angebetete ein „überzeugendes“ Abendessen zu kochen.

Eine verführerische Mischung aus Literatur und Kulinarik, selten wurde mit mehr Leidenschaft gekocht. Auch als Geschenk für Frischverliebte, lang erprobte Beziehungen und solche, die das vielleicht noch werden sollen, bestens geeignet.

Nicolas Barreau – Menu d’amour. Eine Liebesgeschichte mit Rezepten.
Thiele; € 14,00
Joe Goebel - Ich gegen Osborne
Von unserer Testleserin Yvonne Mayer

Ein faszinierender Roman. Der Hauptcharakter James ist wirklich schwer einzuschätzen. Er scheint überheblich, besserwisserisch und ziemlich launisch. Im Laufe des Buches passiert viel- und das nur an einem einzigen Schultag. Es ähnelt einem typischen Teenie- Film, nur mit mehr Tiefgang. Es liest sich locker und leicht und bietet meiner Meinung nach einen guten Einblick in den Kopf eines Jugendlichen, der es nicht immer leicht hat.

Joe Goebel - Ich gegen Osborne
Diogenes; € 23,60
Italo Calvino - Der geteilte Visconte
Bianca Dobler - Filiale Graben

Aktueller denn je ist die Parabel um den Visconte, der in den Türkenkriegen von einer Kanonenkugel getroffen und in zwei Hälften geteilt wird. Zwar können Lazarettärzte die Hälften unabhängig voneinander am Leben erhalten, doch nach der Rückkehr stellt sich heraus, dass auch die Persönlichkeit gespalten wurde.
Die böse Seite versetzt in der Heimat sämtliche Bewohner in Angst und Schrecken und auch die Tatsache, dass der Herr sich plötzlich verliebt, ändert nichts an dieser Terrorherrschaft. Erst als in einem Zweikampf gegen den guten Doppelgänger die halben Viscontes gleichzeitig verletzt und von findigen Ärzten erneut zusammengesetzt werden können, wird auch der Charakter wieder ausgeglichen.
Eine geniale Geschichte um die Bedeutung des seelischen Gleichgewichts und die Akzeptanz der eigenen negativen Eigenschaften, solange man auch seine guten Seiten Einfluss auf seinen Alltag nehmen lässt.
Ein absolutes Lieblingsbuch von einem großartigen Autor und Sprachakrobaten.

Italo Calvino - Der geteilte Visconte
Fischer; € 9,30
Khaled Hosseini - Traumsammler
Bianca Dobler – Filiale Graben

Ursprünglich stammt Hosseini aus Afghanistan und das erkennt man auch sofort, wenn man die Landschaftsbeschreibungen in seinem neuesten Werk liest. Zwar lebt er seit seinem 16. Lebensjahr in den USA, doch seinen Wurzeln ist er erneut treu geblieben. Waren schon die vorhergegangenen Romane „Drachenläufer“ und „Tausend strahlende Sonnen“ weltweite Bestseller, so hat er sich im kürzlich erschienen „Traumsammler“ selbst übertroffen.
Auch wenn man, wie ich, mit der Region und den Schauplätzen nicht vertraut ist, eröffnet sich nicht nur ein wundersames Panorama aus bunten, mosaikartig zusammengefügten Details, sondern auch eine herrliche Geschichte um ein Geschwisterpaar, das sich mit dem Vater auf eine Reise durch die Wüste begibt.
Die Liebe der kleinen Schwester zu ihrem Bruder wird auf eine harte Probe gestellt, denn Pari wird nicht mit dem Vater und Abdullah zurückkehren, sie wird an eine reiche Familie in Kabul verkauft.
Doch nicht nur diese Geschichte wird erzählt. Hosseini bietet ein breites Spektrum an ineinander verwobenen Novellen um Flüchtlinge und Regimegegner, die die unglaubliche Fähigkeit besitzen, im richtigen Moment das Richtige zu tun und zu sagen. Ein bisschen großkotzig oder moralisiserend dürfen die Charaktere dabei auch gerne sein, man sieht es ihnen mit Freuden nach.
Man sollte bei der Anschaffung des Buches ebenfalls an einen Taschentuchvorrat denken. Denn obgleich die Geschwister am Ende wieder zueinanderfinden, soviel sei doch verraten, fällt dieses Zusammentreffen für beide so vollkommen anders aus, als eigentlich für ein wahres „Happy End“ gewünscht würde.
Eine gesicherte Zone der Unschuld, in der Kinder, wie sie es verdient hätten, in Frieden und Geborgenheit aufwachsen können, gibt es bei Hosseini nicht, aber wunderschöne, anrührige Stunden des Lesens sind mit Sicherheit garantiert.

Khaled Hosseini – Traumsammler
Fischer; € 20,60
Kate Atkinson - Die Unvollendete
Eugenie Strasser – Filiale Kärntner Straße

Wiedergeburt, Karma, „Täglich grüßt das Murmeltier“ … Kate Atkinson beschäftigt sich in ihrem neuen Roman mit der beliebten „Was wäre gewesen, wenn …“-Frage und lässt das Leben ihrer Heldin Ursula Todd in den verschiedensten Varianten vor den Augen des Lesers vorüberziehen: verändert sich nur ein winziges Detail in seinem Ablauf entwickelt es sich gleich völlig neu. Ein interessantes Thema, das die Autorin durchaus bewegend und stellenweise auch wirklich erschütternd behandelt (etwa die Schilderung der Gräuel, denen die Londoner Zivilbevölkerung während des Bombardierung ihrer Stadt im zweiten Weltkrieg ausgesetzt ist), trotzdem vermisste ich ein wenig den üblichen Atkinson-Zauber. Zwar mag das ein guter Roman sein, so originell und eigenartig wie ihre früheren Bücher finde ich ihn leider nicht.
Ob sie sich vorstellen könne, ihr Leben immer wieder neu zu leben, wird die Heldin einmal von ihrem Bruder gefragt. Das stelle sie sich ziemlich mühsam vor, antwortet sie.
Genau.

(Wohlgemerkt: das ist keine Buchwarnung – selbst ein nicht so gelungenes Werk von Kate Atkinson ist immer noch absolut lesenswert!)

Kate Atkinson - Die Unvollendete
Droemer/Knaur; € 20,60
Gabi Gleichmann – Das Elixier der Unsterblichkeit
Bianca Dobler - Filiale Graben

Als Baruch Halevi im 12. Jahrhundert vom Propheten Moses aufgetragen wird seinen Heimatort Espinosa zu verlassen und nach Lissabon zu gehen, setzt sich eine unglaublich umfangreiche Familiengeschichte in Gang. Als Leibarzt des Königs braut der Jude nämlich dort ein Elixier, das nicht nur unsterblich macht, sondern dem der Leser durch die folgenden Jahrhunderte bis heute über die ganze Welt nachreisen darf, denn das Rezept für den geheimen Trank wird nur innerhalb der Familie Spinoza und auch hier nur an den ältesten Sohn weitergegeben. Die Bandbreite der Geschichte reicht nicht nur über zahlreiche Generationen hinweg, sondern auch vom Mittelalter auf der iberischen Halbinsel, bis in die Niederlande zu Zeiten von Rembrandt, sowie das aufgeklärte Paris und Wien unter dem Kaiser und Hitler.

Ein unvergleichliches Panorama jüdisch-europäischer Geschichte, ein grandioser Schmöker und ein wunderbares Porträt der verschiedensten Epochen unserer Vergangenheit.
Ein norwegisches Debüt, lassen Sie sich darauf ein!

Gabi Gleichmann – Das Elixier der Unsterblichkeit
Hanser; € 26,80
Peter Webeling – Das Lachen und der Tod
Bianca Dobler - Filiale Graben

Es ist 1944 und der jüdische Komiker und Ich-Erzähler Ernst Hoffmann wird in einem Viehwaggon in ein polnisches Konzentrationslager deportiert, weil er mit politischen Witzen auf sich aufmerksam gemacht hat. Fassungslos beobachtet er das Leid der Mitreisenden und versucht sie deshalb zum Lachen zu bringen, was allerdings die SS-Wachen nach draußen hören. Schon hier beginnen die Probleme, doch Ernst lässt es sich nicht nehmen, seine Mitgefangenen zu unterhalten, jeden Abend tritt er auf Bitte des Barackenältesten Schlomo vor den Insassen seines Hauses auf. Die Wachen verwenden seine große Liebe Helene, die er im Deportationszug kennengelernt hat, als Druckmittel als er sich weigert, einen Auftritt vor deutschen Beamten zu absolvieren. Nichtsdestotrotz gilt in all diesem Elend nur das Eine: Überleben.
Dies ist kein Buch, das man am Strand liest, aber trotzdem eine lohnenswerte Lektüre. Der Autor hat lange und genau recherchiert und schreibt in einer Sprache, die den Leser an die Grenzen des Erträglichen bringt. Aus zahlreichen Interviews rekonstruiert er detailgetreu den Alltag im Konzentrationslager. Aber Taschentücher und Freudentränen liegen hier ebenso nahe beieinander, wie Bewunderung, Schrecken und Lesegenuss.
Ein empfehlenswertes Debüt aus den Niederlanden.

Peter Webeling – Das Lachen und der Tod
Blessing; € 20,60
Sven Regener - Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt
Bianca Dobler - Filiale Graben

Skurrile Alltagssituationen und trockener Humor bestimmen den Stil Sven Regeners, der manchen Lesern vielleicht nicht nur als Sänger der deutschen Band Element of Crime, sondern auch von vorangegangenen Romanen bekannt sein könnte.
Ebenso ergeht es dem geneigten Leser mit einigen Figuren in diesem neu erschienen Werk, es begegnen uns z.B. Charaktere aus dem Debüt „Herr Lehmann“(dieses erschien vor zwölf Jahren und war schlagartig ein solcher Erfolg, dass eine Verfilmung nicht lange auf sich warten ließ). Damals (im Roman sind nicht zwölf sondern nur fünf Jahre vergangen) musste Herr Lehmann seinen Bekannten Karl Schmidt nach einem Zusammenbruch in eine psychiatrische Anstalt bringen, heute ist er entlassen. Dafür treffen wir ihn in einer Wohngemeinschaft für ehemalige Drogensüchtige, immer noch kämpft er gegen Depressionen und paranoide Anfälle, doch in der Wohngemeinschaft zu bleiben ist keine Option. Er bricht aus und verdient sich als Hilfshausmeister und Zoowärter ein kleines Gehalt. Die Ruhe ist allerdings vorbei als ein Freund aus alten Tagen, nun Besitzer eines Technolabels in Berlin, auftaucht und Karl wieder an ihre vergangenen Erlebnisse erinnert.
Drogen, Techno und der Versuch den Geist der Sechziger Jahre für die Generation von 1995 zu retten, kann das für Mitfünfziger noch funktionieren?
Ein herrliches Lesevergnügen und gleichzeitig eine der Bericht einer Sinnsuche und Midlifecrisis – eine Magical Mystery Tour für jeden!

Sven Regener - Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt
Galiani; € 23,60
Thomas Glavinic - Das größere Wunder
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Man weiß nie, was einen erwartet wenn man ein neues Glavinic- Buch aufschlägt. (Und oft ist man genauso ratlos nachdem man es wieder zugeklappt hat.) Das größere Wunder ist wieder ein "Jonas-Roman", nicht nur die Hauptfigur, auch andere Namen (Marie, Helen) kennt man aus früheren Büchern. Diesmal begleiten wir den Protagonisten bei seinem Aufstieg auf den Mount Everest und bekommen Einblick in seine Kindheit.

Jetzt: Die Besteigung; das Aushalten der Höhe, der Kälte, der Schmerzen. Die Unsicherheit, ob das Wetter es zulässt, den Gipfel zu erreichen, das nahe Geräusch von abgehenden Lawinen. (Zu viele) Menschen belagern den Berg, einige hilfsbereit, andere übermütig, manche gehässig. Der Kontakt mit unerfahrenen Kletter-Touristen und diebischen Bergsteigern kann gefährlich, jeder Schritt dein letzter sein - und die stressresistenten Sherpas die letzte Rettung.

In Rückblenden: Jonas wächst in einem riesigen Anwesen auf, beschützt von einer mafiagleichen Umgebung und lotet immer wieder die Grenzen aus - zwischen legal und verboten, zwischen (dem eigenen) Leben und Tod. In finanzieller Unabhängigkeit leistet er sich als Erwachsener sagenhafte Verrücktheiten, pendelt zwischen Rom, Jerusalem, Tokio, Oslo... und weiß nicht recht, warum. Schließlich steht über allem die Liebe - und die Jagd nach der nächsten Sonnenfinsternis.

Wieder ein großer Roman, etwas konventioneller vielleicht, aber mit den bekannten Skurrilitäten und der sowohl tiefgehenden als auch abgehobenen Glavinic-Gedankenwelt!


Thomas Glavinic - Das größere Wunder
Hanser; € 23,60
Adam Wilson - Flatscreen
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

"Und immer deine Freunde, ihr nehmt doch alle Drogen!"

Was im Die Ärzte-Song "Junge" mit Ironie gespickt ist, nimmt im Verlauf von Adam Wilsons "Flatscreen" immer bedenklichere Ausmaße an: Wir folgen dem jungen Eli durch seine von Drogen gesteuerte Welt. Er ist Anfang 20, leichter Mutterkomplex, sozialer Außenseiter, etwas übergewichtig, arbeitsscheu, dafür Kind eines reichen Vaters. Doch dieser verlässt die Familie und stellt schließlich auch die Zahlungen an den jüngsten Sohn ein, um dessen Drogensucht nicht weiter zu finanzieren. Auf Partys, in Kellerräumen - es wird gekifft, geschnupft, diverses eingeworfen... bis zum Blackout und einem gefährlichen Irrtum!

Was den Schreibstil betrifft bin ich etwas im Zwiespalt. Einerseits finden sich gut konstruierte Sätze mit oft klugen Gedanken, die in der ansonsten sehr deftigen Sprache fast unpassend wirken. Andererseits gibt es immer wieder unvollständige Satzkonstruktionen, die natürlich die Jugendsprache nachahmen sollen. Was im Original sicher gut rüberkommt, nervt in der deutschen Übersetzung jedoch mit der Zeit. Wenn das Subjekt am Satzanfang fehlt, hemmt das zwar den Lesefluss, ist aber noch vertretbar, das Weglassen von Artikeln hingegen kommt mir zu konstruiert vor.

Exzessiver Roman mit schrägen Momenten und einigen amüsanten Passagen.

Adam Wilson - Flatscreen
Metrolit; € 22,70
Roman Ehrlich - Das kalte Jahr
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Ein Mann verlässt seinen Wohnort, um seine Eltern zu besuchen. Er geht zu Fuß in die Heimat fernab der Stadt, ein Ort, den er schon lange nicht mehr gesehen hat und den er nun, dem wütenden Schneesturm und der Kälte zum Trotz, über Bundesstraßen und Felder laufend, aufsucht. Schnee, überall der fallende und der bereits liegende Schnee. Der Reisende übernachtet noch an einer Raststation, um am nächsten Tag, nach dem Durchschreiten des ehemaligen Militärgebiets den daran angrenzenden, am Meer gelegenen Ort, und schließlich sein Elternhaus zu erreichen.

Doch anstatt der Eltern trifft er am Ende seines Fußmarsches einen Jungen, der jetzt das Haus bewohnt, was in ihm wohl Fragen aufwirft, ihn aber scheinbar nicht besonders stört, auch wenn dieser Richard nun in seinem ehemaligen Kinderzimmer schläft und ansonsten recht redefaul, oft störrisch und überhaupt ein ziemlich eigenwilliges Kind ist. Nur die abendlichen Geschichten des Mannes scheinen die beiden zu verbinden.

Dies ist ein Roman ohne Action, eine Geschichte über das Alleinsein und über Zurückgezogenheit, ein Text für Leser, die sich an langen, verschachtelten und sich selbst genügenden Sätzen, die zu genießen sind, erfreuen können.


Roman Ehrlich - Das kalte Jahr
Dumont; € 20,60
Lily Brett – Lola Bensky
Silvia Panholzer – Filiale Perg

Die 60er Jahre. Lola ist Reporterin für ein australisches Pop-Magazin, sie reist viel in der Weltgeschichte herum und interviewt, auf meistens recht unkonventionelle Art und Weise, die großen Musiker ihrer Zeit. Die Tatsache, dass sie Übergewicht hat und es ihren Eltern mit ihrer Berufswahl nicht recht machen konnte, verursacht ihr Schuldgefühle.

Lolas Eltern haben das Konzentrationslager überlebt, ein Teil des Romans ist ihren Erinnerungen daran gewidmet, insbesondere denen der Mutter. Es sind berührende und traurige Abschnitte, doch Fr. Brett schafft es auch, einen da wieder herauszuholen und die Stimmung aufzuhellen.

Das Buch regt zum Nachdenken an und ist auf jeden Fall lesenswert!

Lily Brett – Lola Bensky
Suhrkamp; € 20,60
Gilles Legardinier – Julie weiß, wo die Liebe wohnt
Patrycja Pilarska – Filiale Praterstern

Julie wohnt schon ihr ganzes Leben lang in ihrem kleinen, verträumten französischen Heimatstädtchen. Als ein neuer Nachbar ein Stockwerk über ihr einzieht ist sie erst nur fasziniert von seinem Namen. Doch diese Faszination wächst sich aus, zuerst zum Bedürfnis Ricardo Patatras kennenzulernen, dann zur Besessenheit ihm zu gefallen. Was sie alles dafür tut, verursacht Lachkrämpfe.

Julie hat mir das Herz gewärmt, mit ihren Schnapsideen, ihrer Güte, ihren spritzigen, klugen Gedanken und ihrer vorbehaltlosen Liebe zur Welt.

Dass mir das Ende, des Buches nicht gefallen hat, flüstere ich nur, denn eigentlich ist es nicht so wichtig, das Buch ist lang und das Ende hat nur ein paar Seiten ;)

Gilles Legardinier – Julie weiß, wo die Liebe wohnt
Goldmann; € 9,30
Patrick Modiano - Der Horizont
Hansjörg Jehsenko - Filiale Kärntner Straße

Suche und Zufall, gewollte und überraschende Begegnungen, wiederbelebte und aufflackernde Erinnerung verdichten sich in diesem ganz außergewöhnlich schönen Roman zu einer mit fast schon kriminalistischer Spannung angereicherten Erzählung über die Liebe.

Chapeau chapeau Monsieur Modiano!

Patrick Modiano - DerHorizont
Verlag Hanser € 18.40
Haruki Murakami - Südlich der Grenze, westlich der Sonne
Eugenie Straßer - Filiale Kärntner Straße

2000 erschien der Roman in einer Übersetzung aus dem Englischen unter dem Titel „Gefährliche Geliebte“, nun wurde er aus dem japanischen Original übertragen, mit neuem Titel versehen, und ich habe die Gelegenheit ergriffen, ihn endlich zu lesen.

Bei seinem Erscheinen erregte er einiges Aufsehen und schaffte es den Grundstein zur Auflösung des literarischen Quartetts zu legen. Reich-Ranitzky war begeistert von dem Buch, Sigrid Löffler nicht im Mindesten. Sie bekam vorgehalten, erotische Literatur prinzipiell abzulehnen (womit allerhand impliziert wurde) - er, einer dieser älteren Herren zu sein …
Naja, inzwischen ist Gras über die Sache gewachsen und das Buch weit davon entfernt heute noch einen Skandal zu verursachen. Erstens regt sich in Zeiten von „Shades of Grey“ kein Mensch mehr über deftige Sexszenen auf, zweitens wäre es mittlerweile abwegig, Murakami seine literarische Bedeutung abzusprechen.

Erzählt wird die Geschichte des Japaners Hajime, sein Aufwachsen in den 50er Jahren, sein Erwachsenwerden, seine Beziehungen. Er hat eine große, unerreichbare Liebe, dann eine Ehefrau und Kinder und ist in seinen Dreißigern ein erfolgreicher Barbetreiber. Obwohl er nicht allein ist, ist er einsam, immer auf der Suche, ohne zu wissen wonach. Was er hat, will er nicht, was er will, weiß er nicht. Hin- und hergerissen zwischen Versuchung und moralischer Verpflichtung irrt er durch sein Leben, und jede Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner Verlorenheit erweist sich als trügerisch.

Die Stimmung des Buches ist so intensiv, dass man manchmal meint, in einen modernen Film Noir geraten zu sein – einen mit nächtlichen Bars und Neonlicht, Nat King Cole, Jazz und der obligaten Femme Fatale …
Toll!

Haruki Murakami - Südlich der Grenze, westlich der Sonne
Dumont; € 17,50
Irvin D. Yalom - Die rote Couch
Silvia Panholzer – Filiale Perg

In einem Buchhändlerleben bekommt man viele viele Buchempfehlungen, und es ist unmöglich diese alle zu lesen (leider). Doch „Die rote Couch“ ist es wirklich wert.
Kennen sie das, wenn man beim lesen schon unglaublich schnell wird weil man es einfach wissen muss…

Einfach so super!!!

Ich will hier gar nicht näher auf den Inhalt eingehen - da würde mein Aufsatz zu lange werden.

Nur eins noch ich war geflasht vom Ende, und lag am Abend mit einen lächeln im Bett als ich noch mal an den Schluss dachte.

Irvin D. Yalom - Die rote Couch
btb; € 10,30
Nina Sankovitch - Tolstoi und der lila Sessel
Michaela Foresto - Filiale International

Ein überaus reizvolles Buch – allein schon durch die Thematik: die alles verändernde Kraft des Lesens.
„Jedes Buch kann dein Leben verändern“ sagt Nina Sankovitch, eine amerikanische Autorin, Tochter polnischer Einwanderer, die aus einer bücherbesessenen Familie stammt.
Sie nimmt sich vor, ein Jahr lang jeden Tag ein Buch zu lesen und hernach einen Text darüber ins Netz zu stellen. Die Bücher dürfen natürlich nicht den Umfang von „Krieg und Frieden“ haben, aber Romane sind durchaus dabei. Die Bücher dürfen auch nicht dicker als 2,5cm sein, damit sie an einem Tag zu schaffen sind. Sankovitchs Lektüre folgt keiner bestimmten Auswahl, erhebt keinen Anspruch und widmet sich auch verschiedenen Genres: Roman, Erzählung, Fantasy, Krimi oder Kinderbuch.
Doch gibt es einen Grund warum sie das tut: ihre 47 Jahre alte Schwester erkrankt ganz plötzlich an Krebs und stirbt. Der Tod der älteren Schwester führt zu einer drei Jahre lang andauernden tiefen Trauer. Anfangs versucht sie noch mit aller Gewalt dagegen zu steuern, möchte weiter „funktionieren“ und noch intensiver leben, doch bald verliert sie Kraft und es gelingt ihr nicht mehr, allen Familienmitgliedern Trost zu spenden und sie droht zu zerbrechen.
Sie beschließt den Rückzug in ein eigenes Lese-Zimmer, auf ihrem lila Sessel findet sie lesend wieder zu sich. "Seit drei Jahren trug ich schwer an dem Wissen um den Tod meiner Schwester, und ich wusste, dass es kein Mittel gegen meine Trauer gab. Ich hoffte nicht auf Linderung. Ich wollte Antworten. Bücher würden die Frage beantworten, die mich quälte: warum ich es verdiente, zu leben. Und wie ich leben sollte. Mein Lesejahr sollte mein Ausweg zurück ins Leben werden."
Das erleben fremder Schicksale, lässt sie dann die eigene Trauer verarbeiten. Sankovitch pickt sich die Lebensweisheiten aus ihren Lektüren, sie helfen ihr weiterzuleben. „Heute, meine Freunde, haben wir alle einen Tag weniger zu leben, jeder von uns. Und das Einzige, was die Zeit langsamer vergehen lässt, ist Lebensfreude.“
Es ist kein Buch gefüllt mit Leseempfehlungen: lies das oder jenes, wenn du Kummer hast! Nein, es ist vielmehr eine Hommage an das Lesen selbst und eine starke Motivation, es ihr gleich zu tun und mit selber Konsequenz jeden Tag ein Buch zu lesen!

Nina Sankovitch - Tolstoi und der lila Sessel
Graf; € 17,50
Ernő Szép - Die Liebe am Nachmittag
Michaela Foresto - Filiale International

„Die Liebe am Nachmittag“ führt uns in das Budapest der Zwischenkriegszeit. Wir folgen dem Ich-Erzähler Mihaly, einem Schriftsteller, Flaneur und Einzelgänger, einem Mittvierziger, der meist in Geldnöten steckt. Seine Nachmittage verbringt er in Kaffeehäusern, Parks oder Friedhöfen, er spaziert auf die Margareteninsel, oder die Donau entlang. Hier lässt er seine Gedanken kreisen um existenzielle Fragen wie Selbstfindung, verfehltes Leben, Älterwerden oder Tod.
Es finden sich wunderschöne poetische Passagen darin, wie ein herbstlicher Besuch des Protagonisten auf der Margareteninsel zeigt: „Es gibt die Frühlingsstille und die Winterstille, auch eine nächtliche Stille. Diese sonnendurchtränkte herbstliche Nachmittagsstille, wenn die Blätter fallen, sie ist die Stille des Träumens, des Glücks. [...] In dieser strahlenden herbstlichen Stille des Blätterfallens habe ich gelernt, auch ohne Glück glücklich zu sein.“
Natürlich geht es auch um die Liebe, doch Mihaly kann nicht lieben. Eingespannt zwischen seinen zwei Geliebten: einer verheirateten Dame, die er siezt und einem jungen Mädchen, das er nur aushält und zu verkuppeln versucht, bleibt er letztendlich alleine.
Nicht zu Unrecht zählt Szép zu den „Großen Eleganten“ der Ungarischen Moderne, wie Sándor Márai, Antal Szerb oder Desző Kostolányi.
Der Roman erschien erstmals 1935 in Ungarn, 2008 wurde er auch im deutschsprachigen Raum entdeckt und von Ernő Zeltner gelungen übersetzt. Er trifft den wunderschön leichten und eleganten Ton, eine Melancholie, die alles einhüllt. Ein wahres Lesevergnügen.

Ernő Szép - Die Liebe am Nachmittag
dtv; € 15,40
Amy Waldman - Der amerikanische Architekt
Eugenie Straßer - Filiale Kärntner Straße

Klassischer Fall von Dilemma: aus einem anonymen Architekturwettbewerb für ein Mahnmal von 9/11 geht ein Amerikaner muslimischer Abstammung als Sieger hervor. Die Jury, die seinen Entwurf gewählt hat – und bald darauf die öffentliche Meinung - spaltet sich: ist es vertretbar, diesen Gewinner zu akzeptieren, hatte er überhaupt das Recht, sich an der Ausschreibung zu beteiligen? Die Wogen gehen hoch: Angehörige der Opfer melden sich zu Wort, Muslime, die Gerechtigkeit verlangen, Amerikaner, die dasselbe wollen, sensationsgeile Journalisten und natürlich die Person, die die ganze Aufregung verursacht hat, der Architekt Mohammed Khan. In dem eigentlich unlösbaren Konflikt bemühen sich die einen um Fairness, andere verheddern sich rettungslos in ihren Moralvorstellungen und nicht wenige lassen offen ihre dumpfen Vorurteile raus - alles sehr amerikanisch, naturgemäß, mit riesigem Medienrummel, viel angestrengter Political Correctness, Sentimentalität und Patriotismus.

Dass in einer solchen Auseinandersetzung am Ende keiner gewinnen kann, zeigt Waldman spannend und eindringlich – ein empfehlenswertes Buch!

Amy Waldman - Der amerikanische Architekt
Schöffling; € 25,70
Louis Bromfield - Der große Regen
Eugenie Straßer - Filiale Kärntner Straße

Den altehrwürdigen Schmöker von 1937 gibt es jetzt als Unionstaschenbuch. Er wurde zweimal verfilmt (darunter mit Richard Burton als indischer Arzt mit Turban und einer Menge Schuhcreme im Gesicht ;)) und handelt von der fiktiven indischen Provinz Ranchipur, in der die verschiedensten Charaktere aufeinandertreffen. Nicht nur, dass sie sich mit allen möglichen zwischenmenschlichen Problemen auseinandersetzen müssen, werden sie auch noch von Monsun, Hitze, Erdbeben und alles vernichtenden Flutwellen heimgesucht. Die einen bewähren sich, die anderen gehen unter (im wahrsten Sinne des Wortes) – all das hochdramatisch, pathetisch und ziemlich schwülstig.

Immer noch ein großes Lesevergnügen – wenn auch vielleicht nur für Hartgesottene …

Louis Bromfield - Der große Regen
Unionsverlag; € 13,40
Jojo Moyes - Ein ganzes halbes Jahr
Katharina Payerits - Filiale Praterstern

Gefeuert und ohne Plan wie es weitergehen soll, nimmt Lou einen scheinbar harmlosen Pflegejob an. Ihre Aufgabe: Sie soll Will, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt zur Hand gehen.
Der Haken: Will, der einfach nur in Ruhe gelassen werden will. Doch nicht nur die Zurückweisungen ihres Pflegepatienten stellen ein Problem für Lou da. Als sie zufällig den Grund für ihre befristete Arbeitszeit mitbekommt, steht sie kurz davor das Handtuch zu werfen. Letztendlich entscheidet sie sich dafür weiterzumachen, was da auch kommt. Aber…ob ihr das gelingt?

Mit diesem Roman hat Jojo Moyes eine großartige Geschichte geschaffen, die vor dem ernstem Hintergrund der schweren Krankheit Wills auch mit witzigen, schlagfertigen Dialogen zwischen ihm und Lou unterhält. Die zarte Zuneigung, die dabei entsteht, wird auf harte Proben gestellt und zeigt, was Menschen bereit sind für diejenigen zu tun, die sie wirklich lieben.

Jojo Moyes - Ein ganzes halbes Jahr
Rowohlt; € 15,50
Monika Held - Der Schrecken verliert sich vor Ort
Martina Wallner - Filiale Graben

Eine Anmerkung vorweg: wie auch immer diese Zeilen formuliert sein mögen – sie werden dem Buch nicht gerecht.
Monika Held ist hier eine äußerst berührende, wunderbar poetische und zutiefst menschliche Liebeserklärung an das Leben und an die Kraft der Liebe gelungen, mit Sätzen und Formulierungen, die man sich am liebsten in die Tasche stecken möchte, um sie immer bei sich zu haben.

Heiner, ein schwer traumatisierter Auschwitz-Überlebender, trifft auf Lena und überwindet sich aus Liebe zu dieser Frau, nach Deutschland zu ziehen, in das Land der Täter. Doch in seinen Nächten kehrt er nach Auschwitz zurück und zu den Schrecken seiner Vergangenheit. Gemeinsam versucht das ungleiche Paar ein neues, gemeinsames Leben zu leben – und zu verstehen.

„Geliebter Schatz“, schrieb Heiner, „es gibt Tage, an denen möchte ich nicht mit mir befreundet sein. Mir steckt das Lager in jedem Körperteil und die Forschung arbeitet, so viel ich weiß, nicht an einem Gegengift. Es gibt Nächte, in denen ich nicht schlafe und Nächte, in denen ich schreie. Es gab eine Frau, die das nicht ertragen hat und ein Kind, das nicht mehr nach mir fragt. Sie haben mich weggeschickt. Ich habe das knapp überlebt, für ein zweites Mal wird die Kraft nicht reichen.“

Die Kraft der Liebe reicht für einen zweiten Versuch und tief bewegt kann man ihnen
dabei folgen - und wird reich belohnt.

Für mich eines der schönsten Bücher der letzten Jahre.


Monika Held - Der Schrecken verliert sich vor Ort
Eichborn; € 20,60
Doris Knecht - Besser
Martina Wallner - Filiale Graben

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, in eine andere Familie geboren zu sein. Eine andere Mutter gehabt zu haben, eine, die sich um mich gekümmert hätte, so wie ich mich um Elena und Juri kümmere. In einem warmen Haus aufgewachsen zu sein, mit warmen Essen, mit einer Mutter, die einen nicht nur am Geburtstag umarmt. Wahrscheinlich wäre alles anders geworden. Sicher wäre es das. Und ich hätte nicht die Strasse erlebt.“

Die Kolumnen von Doris Knecht kenne ich eigentlich nur vom schnellen Überblättern.
Knecht nun also in Buchform – für mich nicht unbedingt eine zwingende Leseempfehlung.
Ihr erster Roman „Gruber geht“ ging an mir vorbei (Sorry, das konnte ich mir nicht verkneifen.) und nun lag also „Besser“ ganz oben auf dem hüfthohen Stapel der Leseexemplare.
Und dann: die Magie des ersten Satzes (der an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird!). Und ein paar Lesestunden später die Erkenntnis: Geht doch, Frau Knecht!

Die Story: eine junge Frau hat sich einen reichen Mann geangelt und in seiner Bobo-Idylle für einige Zeit ihre Wurzeln vergessen. In ihrem riesigen Atelier am Brunnenmarkt produziert sie zwar keine Kunst, kann aber ungestört über ihren Liebhaber und ihr Leben nachdenken und bemerkt die ersten Risse in dieser scheinbaren Idylle.
Der Tonfall, der den Fans von Doris Knecht aus den Kolumnen vertraut ist, passt hier
wunderbar in den Mikrokosmos aus Dekadenz und Lifestyle der Wiener Szene.

„Während ich dieses Leben lebe, verpasse ich ein anderes. Während ich dieses Leben leben muss, verpasse ich mein richtiges.“

Großes Lesevergnügen, auch für alle bisherigen Knecht-Verweigerer, ihre Fans werden es ohnehin lieben.

Doris Knecht - Besser
Rowohlt, € 20,60
Karin Nohr - Vier Paare und ein Ring
Martina Wallner - Filiale Graben

„Wonniglich weih dich dem Werk!“

Ein ungewöhnlicher und höchst vergnüglich zu lesender Beitrag der, anlässlich des 200. Geburtstags des Meisters, erscheinenden Wagner-Bücher.
Vier befreundete Paare, gut eingerichtet in ihren Leben in Wohlstand, scheinbar abgesichert und krisenfest in der Mitte des Lebens angekommen, beschließen gemeinsam „Wagners Ring“ zu besuchen. Nun muss man wohl anmerken: Beziehungen sind schon an weniger zerbrochen und Wagner bleibt immer eine Herausforderung…

„Im Schlafe liegt eine Frau: die hat ihn das Fürchten gelehrt.“ (Götterdämmerung)

Es kommt, wie es kommen muss: es wird debattiert, mit Wagnerkenntnissen brilliert
und erste Dissonanzen durchziehen die scheinbar harmonische Freundesrunde.

„Düster Gewölk türmt sich zuhauf.“ (Rheingold)

Der Leser wird Zeuge der Gespräche nach den Vorstellungen und immer mehr
zeigen sich die sprichwörtlichen Abgründe.

„Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreitet das Feuer nie.“ (Walküre)

Wagner bediene abgründige Männerfantasien und ziehe daher Männer und Vatertöchter an. Für ‚normale’ Frauen, hatte Kurt gesagt und dabei zwinkernd mit den Händen das Zeichen für Anführungszeichen angedeutet, sei Wagner nichts. Weil sie keine Abgründe hätten.

Spätestens jetzt dämmert es: DAS kann nicht gut gehen…!!!

„Verflucht sei dieser Ring!“ (Rheingold)

Ein wunderbar raffiniert komponierter Roman, der nicht nur Wagner-Begeisterte
in seinen Bann ziehen wird. Diese aber ganz sicher.


Karin Nohr - Vier Paare und ein Ring
Knaus; € 20,60
Nick Dybek - Der Himmel über Greene Harbor
Filiale Schönbrunner Straße

Was so passiert:
Nur spärlich, zu viele Appetizer verderben in diesem Fall die Suppe, den Hauptgang und das ganze restliche Menü.
Der Irgendwie-Chef einer Fischergemeinde im äußersten Nordwesten der USA ist nicht mehr, hinterlässt einen Brocken an Erbe und ausgerechnet der von allen für unfähig erachtete Sohn soll übernehmen.
Ja - auch dieses Jahr wird schließlich zum Fang geblasen, wohl unter besonderen, wachsenden Umständen. Sind einmal die Bärte auf See, bleiben zurück die Frauen, Kinder und noch-nicht-so-richtig-Bärte wie der junge Ich-Erzähler, Sohn eines hohen Fischertiers, dessen Monate der väterlichen Abwesenheit zur unfreiwilligen Gewissensaufgabe werden.
Dazu werden diverse Variationen menschlichen Handelns gereicht, serviert mit Thrilleraspekten an Meerespanorama.

Was so gut ist:
Das Coming of Age-Thema, die Filmzitate von Alien bis Jaws, die 80er-Stimmung, die verzwickt verstrickten Familienverhältnisse, die inneren Kämpfe der Protagonisten, sämtliche R.L. Stevenson-(der grandiose Originaltitel When Captain Flint was still a good man ist in der deutschen Ausgabe leider entfallen), Melville- und J. Verne- Sequenzen, das gut recherchierte Wissen bezüglich Fisch- und Krabbenfang Alaskas, das verworrene Hell/Dunkel – Bild, die energetische Nähe zu Woodrells Winters Knochen, die einwandfreie Übersetzung, die großen schweren Wolken inklusive stetig wachsender Regenwahrscheinlichkeit, die explodierenden Handlungsbomben, natürlich all die Musik, all der Jazz und die riesigen Massen an trübem Wasser, träger Weite und gierenden Wahrheiten.
Nick Dybeks Erstling ist von solcher Kraft, strotzt vor Spannungsbögen und von überwältigender Atmosphäre dass es eine begeisternde, gierende Lesefreude war, wie ich sie bis jetzt selten erfahren habe.

Was nicht so gut ist:
Das Warten auf einen weiteren Roman Nick Dybeks.


Nick Dybek - Der Himmel über Greene Harbor
Mare; € 20,50
Teresa Präauer - Für den Herrscher aus Übersee
Filiale Schönbrunner Straße

Eltern auf Erkundungsreise senden regelmäßig Wörter an die bei den Großeltern untergekommenen Kinder. Diese ersehen und erhören das Sein, stark durch Großvaters Gesprochenes, besonders durch Natürliches, Vögel, Fliegen. Die vor vielen Zeiten zufällig gelandete Liebe des Großvaters zu einer Fremden hätte ausreichend fantastischen Stoff für eine an sich selbst berauschende Erzählung geliefert.
Drei, vier Briefköpfe, ein allumfassendes Spektrum, vorgetragen mit Sätzen, die trotz ihrer Kargheit malerisch ohne blumig zu werden die Flügel spannen. Adjektive werden gemieden, der Großvater brummt, der Wind bläst und die Fliegerin fliegt.

Wie auch sonst alles gleitet, nix muss: Die weise Obhut, die fernen Eltern, die junge, staunende Stimme. Da die kindlichen Augen am ehesten im eigenen Kopf, war es ein ungleich staunendes Lesen, so groß – so weit, jegliches Ankommen – nein, danke.
Auf und davon, abstürzen, Mund abputzen, weiter im Text. Wow.


Teresa Präauer - Für den Herrscher aus Übersee
Wallstein; € 17,40
Gill Paul - Ich geh nicht ohne dich
Gabriele Grün - Filiale Schönbrunner Straße

Was erlebten die Menschen, als das angeblich unsinkbare Schiff unterging , wie überlebten sie, vor allem auch:
Wie überlebten sie das "Überleben?"
Anhand der Einzelschicksale, die hier in diesem Buch aufbereitet werden, kann sich der Leser ein Bild darüber machen, wie es WIRKLICH war!

Der junge Ehemann, der gemeinsam mit seiner Frau in ein Rettungsboot flüchten konnte und sich später dafür schämte, als Mann gerettet worden zu sein, während andere Männer auf dem Schiff verbleiben mussten...
Die Frau, die hochschwanger war, deren Mann mit der Titanic unterging, die später immer um ihren Mann trauern würde, der nie ihr gemeinsames Kind kennenlernen durfte ...
Die Frau, die ihren Hund mitnehmen wollte ins Rettungsboot, sich weigerte, ohne das Tier ins Boot zu steigen und mit dem Hund gemeinsam ertrank ...
Die junge Mutter, im Rettungsboot sitzend , einen Säugling in den Armen, der als Jüngster die Katastrophe überleben wird ...
Der begeisterte Hobbyfilmer, der in Amerika als Regisseur groß ins Geschäft kommen wollte, als Mann auf der Titanic zurückbleiben musste, und seiner Frau noch mehrere Filmrollen ins Rettungsboot warf, damit wenigstens seine Filme "überleben" ...
Ida Straus, eine Millionärsgattin, die sich strikt weigerte, sich retten zu lassen, zu ihrem Mann sagte : "Wo immer Du bist, ich bleibe bei Dir!", mit ihm gemeinsam in den nassen Tod ging ...
Das traurige Schicksal des alten Kapitän Smith, dessen Fahrt auf der Titanic wegen seiner bevorstehenden Pensionierung die letzte werden sollte und die dann auch tatsächlich seine letzte wurde...
Die Mutter, die mit ihrer Tochter wieder aus dem Rettungsboot stieg, um den kleinen Sohn zu suchen, nicht ahnend, dass dieser sich mit dem Kindermädchen bereits in einem anderen Boot befand und die dann gemeinsam mit der Tochter ertrank...
Der tapfere junge Funker, der mit schweren Erfrierungen überlebt hatte und dann auf der "Carpathia" dem dortigen Funker bei der Arbeit half, Angehörige der Titanicpassagiere zu verständigen...

Nicht zu vergessen: Der Kapitän und die Mannschaft der "Carpathia", die den SOS Ruf der Titanic empfangen hatten und quer durchs Eis fuhren, um die Überlebenden zu bergen.
Die Passagiere der Carpathia, die "zusammenrückten", um den Überlebenden Platz zu machen, die Essen und Trinken mit ihnen teilten, halfen und trösteten.....

Besonders berührend: Als die Carpathia in New York anlegte, standen an die zwanzig Ambulanzen bereit, um die Überlebenden ins Krankenhaus zu bringen, die Einwohner von New York waren alle ausnahmslos bereit, den traumatisierten Menschen zu helfen, Kost und Logis anzubieten, es wurden hunderte Autos aufgetrieben, um Überlebende vom Hafen abzuholen und zu ihrem Wunschziel zu chauffieren ...

Ganz kalt lassen diese Berichte niemanden, der dieses Buch in die Hand nimmt.
Die wahre Geschichte der "Titanic" ohne Kitsch und Klischee.

Gill Paul - Ich geh nicht ohne dich
Gerstenberg; € 25,70
Tino Hanekamp - So was von da
Katja Leo - Filiale Graben

Letzter Tag des Jahres in Hamburg, letzter Tag für Oscar Wrobels Club auf der Reeperbahn, letzter Tag es Krachen und Einstürzen zu lassen, letzter Tag um Schulden zu begleichen...

Allein für den grandiosen Einstieg muss man Tino Hanekamps Buch schon lieben, ein salbungsvoll weises Zitat von Aristoteles und Oscar Wrobels herzhafte Replik „Ach, Schnauze.“

Hanekamp gelingt was so viele Stickjacken-Streberbrillen-Hipster nur vortäuschen, Authentizität, Coolness und Tiefgang nicht als aufgesetzte Fassade hinter der sich Furcht und Orientierungslosigkeit verbergen sondern als ein Sowohl als Auch.
Seine Hauptfigur Oskar darf Angst haben, keine Ahnung, keinen Plan haben und er darf dabei rotzfrech und schnodderig durch sein schräges Leben brettern.

Er und seine Kumpels – sie wollen Spaß, wollen Leben – nicht nur so halb, sondern in vollen Zügen.
Wer kann es ihnen verübeln, wollen wir doch alle das Gleiche.

Tino Hanekamp - So was von da
KiWi, € 9,30
Max Kruse - Mein Herz beginnt zu schweben
Martina Wallner - Filiale Graben

Es musste wieder einmal sein! Dieses kleine, feine Bändchen hat die Liebe zur Lyrik bei mir wieder aufleben lassen.
Ein Buch zum Hineinversinken, zum Träumen, zum sich Erinnern, zum Herbeisehnen.

Erinnerung

Es ist dies nur ein Traumverführen
Kein Kunstwerk, nicht bedeutungsschwer –
Vergangner Tage Süße spüren
Viel Himmelbläue, Wind und Meer


Und Flaum auf deinem Nacken küssen
Ein Lächeln, das sich dort versteckt
Wo es nach Milch von Kokosnüssen
Orangenfrucht und Datteln schmeckt.


Den Kinderbuchautor Max Kruse kann man nun als Lyriker für sich entdecken und sein Gedicht „Das danke ich nur ihr“ vertreibt sofort den Winterblues und schürt die Sehnsucht nach
Frühlingsgefühlen.


Max Kruse - Mein Herz beginnt zu schweben
Thiele; € 10,-
Judith W. Taschler - Die Deutschlehrerin
Martina Wallner - Filiale Graben

Hier ist er, der lang ersehnte „Nachfolger“ von Glattauers „Gut gegen Nordwind“ – nur eben nicht von Daniel Glattauer.
So nebenbei: nicht alles, was mit einem blauen Umschlag daherkommt, kann vom Inhalt her mit Glattauers Romanen mithalten…

„Die Deutschlehrerin“ erzählt von einem Paar,dass nach 16 Jahren wieder aufeinandertrifft und der in der Zwischenzeit erfolgreiche und gefeierte Jugendbuchautor und die Deutschlehrerin reflektieren und rekapitulieren ihre Beziehung und auch deren Ende.
Nichts ist, wie es scheint, die ehemals als glücklich empfundene Beziehung verliert an Glanz und die sprichwörtlichen Abgründe tun sich auf.

Bis zur letzten Seite fesselt dieses Buch, man liest die Mails der beiden, staunt über die unterschiedliche Sichtweise (ja, ja, Männer und Frauen sehen die Dinge nun einmal anders…) und der überaus raffinierte Schluss lässt den Leser irritiert zurück.
Überaus empfehlenswert..!!!


Judith W. Tschler - Die Deutschlehrerin
Picus Verlag; € 21,90
Ingeborg Bachmann & Paul Celan - Herzzeit
Gabriele Eberhart - Filiale Graben

Es ist ein sprachgewaltiges, erschütterndes Buch - der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Schon seit längerem am Markt, aber ein fester Bestandteil meiner Büchersammlung, wo ich nur die für mich wichtigsten Bücher aufbewahre.

Sätze wie " Ein Wort von Dir und ich kann leben" zeigen wie intensiv und innig die Beziehung war. Es gewährt Einblicke in einen eindrucksvollen Schriftwechsel, ist jedoch auch literaturhistorisch ein sehr bedeutsames Buch und das bewegende Dokument einer unmöglichen Liebe.

Suhrkamp; € 10,20
Lily Brett - Chuzpe
Tina Stohl - Filiale Kärntner Straße

Mit einer großen Portion jüdischem und auch bissigem Humor parodiert Brett in ihrem Roman "Chuzpe" das Leben im Big Apple.

Ruth ist eine ehrgeizige, wohlhabende Unternehmerin. Mit ihrer Firma, die darauf spezialisiert ist, für alle erdenklichen Anlässe Briefe zu verfassen, schließt sie gekonnt eine Marktlücke.

Der plötzliche Besuch ihres Vaters wirbelt kräftig ihren Alltag durcheinander. Der Mann ist zwar hoch betagt, aber ein ordentlicher Schlawiner. Zwei Polinnen im Schlepptau, überredet er seine Tochter, das Trio bei der Eröffnung eines Restaurants finanziell zu unterstützen. Nicht nur dieses äußert riskante Unterfangen macht Ruth das Leben schwer, vor allem die vollbusige, allgegenwärtige polnische Begleitung ihres Vaters erscheint ihr äußerst bedenklich.

Brett hat witzige Figuren erschaffen, die vor allem im Zusammenspiel großartig sind: die stets besorgte und etwas verklemmte Tochter, den unbeirrbaren pfiffigen Vater mit einer verdächtig offenen und beneidenswert agilen Frau an seiner Seite.

Wie Elefanten im Porzellanladen nehmen sich diese so geradeheraus agierenden und vertrauensseligen Charaktere aus und erobern so die Herzen der ach so gekünstelten, dem Schlankheitswahn verfallenen, einladenden und doch distanzierten New Yorker.

Zu sehen ist der Roman in den Kammerspielen in Starbesetzung mit Otto Schenk und Sandra Cervik in den Hauptrollen.

Lily Brett - Chuzpe
Insel; € 10,30
Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger
Katja Leo - Filiale Graben

Es ist soweit, eines der besten Bücher der letzten Jahre wurde verfilmt und ich traue mich nicht ins Kino.
Zu besonders ist die Geschichte um Pi, der mit Familie und familieneigenem Tierpark auswandert, auf hoher See Schiffbruch erleidet und alleine mit einst wilden Tieren in einem Beiboot auf dem großen Ozean treibt.

Eigentlich sind es zwei Geschichten: eine vordergründige - spannend, aufreibend und verzaubert - sowie eine zweite Geschichte, verborgen hinter dem Schleier der ersten. Dunkel und tief wie das Meer dem Pi ausgesetzt ist, gewaltig wie der reißende Tiger, mit dem er den wenigen Platz teilt, der ihm geblieben ist.

Besonders hat mir an Yann Martels Buch gefallen, dass der Autor dem Leser die Gnade der Wahl gewährt, zwischen einem träge dahingleitenden Traum und einem kurz aufblitzenden Albtraum. Man darf selbst entscheiden woran man am Ende glauben will.

Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger
Fischer; € 10,30
Daniel Woodrell - Winters Knochen
Katja Leo - Filiale Graben

Als im amerikanischen Hinterland der Winter über Ree Dolly und ihre bitterarme Familie hereinbricht verschwindet ihr kleinkrimineller Vater spurlos. Es ist nicht das erste Mal aber diesmal geht es um alles. Jessup Dolly hat die Hütte in der Ree mit ihrer psychisch kranken Mutter und ihren 2 Brüdern lebt als Kaution für eine anstehende Gerichtsverhandlung verpfändet. In sieben Tagen stehen sie auf der Straße, es sei denn es gelingt der 16-Jährigen ihren Vater zu finden. Tot oder lebendig.

Bar wie des Winters Knochen liegt die Geschichte vor dem Leser. Ihre Intensität zieht sie aus der spröden Entschlossenheit ihrer Heldin, der kargen Schönheit ihrer Umgebung und der unvermittelten Wildheit der verfeindeten Familiensippen die einem tosenden Schneesturm gleich über eine vormals unberührte Landschaft hereinbricht.

Fazit: Ein sprachlicher Hochgenuss voller eindrucksvoller Bilder weit abseits des üblichen Mainstream-Programms.

Daniel Woodrell - Winters Knochen
Heyne; € 9,30
Howard Jacobson - Liebesdienst
Mandy Mezori - Filiale Kärntner Straße

Das passendste Zitat, dieses Buch zu umschreiben wäre wohl jenes von Joseph Roth aus Der Geschichte der 1002. Nacht:
„Er tanzte nicht gern. Er spielte nicht gern. Er trank nicht einmal gern. Eifersucht war seine einzige Leidenschaft. Er freute sich an ihr, er lebte von ihr.“

Auch in seinem neuen Buch zeigt sich Booker- Preisträger Howard Jacobsen (Finkler-Frage) wieder als Meister darin, menschliche Obsessionen der heutigen Zeit durch seinen Roman lange in einem nachhallen zu lassen. Dieses Werk ist kein klassischer Familienroman, aber auch keine klassische Liebesgeschichte.
Es ist ein Buch für alle, die lieben bis sie leiden und die, die es lieben zu leiden. Auch für all jene, die es wagen auf diesem Pfad der Selbstzerstörung zu wandern und sich vielleicht erlöst fühlen vom Stachel Eifersucht, sobald sie das Buch zugeklappt haben. Oder eben nicht, denn macht nicht das Leid erst lebendig?

Howard Jacobsen - Liebesdienst
DVA; € 23,70
Clemens J. Setz - Indigo
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Dass mich ein Buch dermaßen ratlos zurücklässt habe ich zuletzt bei Thomas Glavinic' "Die Arbeit der Nacht" erlebt. Nun also "Indigo" - eine Bezeichnung für Kinder, die bei den Menschen in ihrer Umgebung für unerklärlichen Kopfschmerz, Schwindel und Übelkeit sorgen. Die Grundstimmung ist düster, die Sätze ergeben oft keinen Sinn, verwendete Metaphern scheinen komplett absurd: "Selbst die Straßenbahnen fuhren, als hätten sie den Mund voll"

"Indigo" ist eines dieser Bücher, durch das man seine Umgebung etwas anders wahrnimmt - sei es, dass man wieder an die Boshaftigkeit im Menschen glaubt, oder dass man das Einfahren der U-bahn "haar"scharf beobachtet. Und weil Herr Setz offenbar auch dieses YouTube Video kennt, abschließend eines der zahlreichen Batman zugeschriebenen Zitate aus dem Buch: "Weißt du, Robin, Bücher zu schreiben ist der Schlüssel zum Weltfrieden. Wenn alle Menschen ihre Autobiografie schreiben würden, dann würden wir uns alle verstehen."

Clemens J. Setz - Indigo
Suhrkamp; 23,60
Wolf Haas - Verteidigung der Missionarsstellung
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Kann dieser Wolf Haas bitte mal ein schlechtes Buch schreiben, das ist ja schon fast unheimlich! Sicher hat er Leser, die über den Brenner - Horizont nicht hinausschauen (wollen), und die werden mit der "Verteidigung der Missionarsstellung" auch wenig anfangen können. Sie verpassen dann aber Sprachspielereien, die so originell und überraschend daherkommen, dass es eine Freude ist! Natürlich gibt's auch eine Story, doch die scheint nur Vorwand zu sein für die Publikumsverwirrung und die Frage nach der Zeit und der Wahrheit an sich - und in der Literatur. So gibt es hier im Roman einen Schriftsteller, der Wolf Haas heißt und gerade das Buch schreibt, welches man gerade liest.

Zum Schmunzeln, zum Lachen, zum Staunen, dabei wieder etwas komplett anderes - und wieder ein echter Wolf Haas! Dass er auf einzelnen (Sprich-) Wörtern gerne rumreitet und sie in ihre Einzelteile zerlegt ist ja bekannt, diesmal nimmt er noch den Ernst Jandl an der Hand und bastelt am Schriftbild herum. Was er da alles aufführt kann man nicht erklären, das muss man gelesen haben!


Wolf Haas - Verteidigung der Missionarsstellung
Hoffmann & Campe; € 20,50
Richard Ford - Kanada
Eugenie Straßer - Filiale Kärntner Straße

Amerika, 50er Jahre. Der Vater des fünfzehnjährigen Dell arbeitet für die Air Force und zieht mit seiner Familie von einem Luftwaffenstützpunkt zum anderen. Sie leben gerade in Great Falls, Montana - und Dell, der die ständigen Veränderungen satt hat, träumt davon, auch sein nächstes Schuljahr hier zu verbringen. Seine Sehnsucht nach Beständigkeit rückt allerdings in weite Ferne, als seine Eltern den glorreichen Einfall haben, eine Bank zu überfallen – dies auch noch so stümperhaft, dass sie bald darauf geschnappt werden

Dell flüchtet mit einer Freundin der Familie nach Kanada und landet in Fort Royal in der Provinz Saskatchewan, in der es nicht viel mehr als Einöde, Prärie und ein paar triste Kaffs gibt.
Hier nimmt Arthur Remlinger sich seiner an, eine zwielichtige Gestalt mit krimineller Vergangenheit, die ihm zum Verhängnis wird, als zwei amerikanische Polizisten auftauchen, um ihn deshalb zur Rede zu stellen; ihr Besuch in Kanada soll ihnen gar nicht bekommen …

So spannend und haarsträubend die geschilderten Ereignisse auch sind, so lakonisch gibt Ford sie wieder. Ganz undramatisch werden einem Diebstahl, eine zerstörte Kindheit, Mord und Totschlag um die Ohren gehauen, was nur dazu beiträgt, eine Stimmung zu erzeugen, die den Leser von Seite zu Seite mehr in den Bann zieht.

Ein großartiges Buch, das vielleicht dazu verleitet, mehr von Richard Ford zu lesen …

Richard Ford - Kanada
Hanser; € 25,60

Vea Kaiser - Blasmusikpop
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass eine junge österreichische Autorin ihr Debüt bei einem großen deutschen Verlag veröffentlicht - noch dazu als Toptitel des Herbstprogramms? Wohl genauso hoch, wie dass ein Holzschnitzer aus einem Alpendorf Anfang der 60er Jahre in die Stadt geht um Doktor zu werden.

Aber im einen wie im andern Fall gilt: Genie lässt sich nicht aufhalten! Die Geschichte des Johannes Gerlitzen, der aus den archaischen Hierarchien von St. Peter am Anger ausbricht und seinem Enkel, der auf "Doktor Opas" Spuren wandelt und unerhörterweise das Gymnasium besucht, ist geistreich und witzig! Die Huldigung Herodots sowie die soziale Erforschung der "Bergbarbaren" geben dem Buch darüber hinaus einen wissenschaftlichen Anstrich. Es ist aber auch allzu realistisch, wenn die Rivalität zwischen den Nachbarortschaften am Fußballplatz zum Boxkampf ausartet oder die Dorffrauen nach dem Nordic Walking auf ihren verdienten Eisbecher einkehren.

Dieser originelle Roman über ein Dorf und sein Sträuben gegen die Zivilisation bietet intelligente Unterhaltung - und die Kunst-Dialektsprache ist sowieso köstlich!


Vea Kaiser - Blasmusikpop
Kiepenheuer & Witsch; € 20,60
Eleanor Brown - Die Shakespeare-Schwestern
Patrycja Pilarska - Filiale Praterstern

Rosalind, Bianca und Cordelia – kurz Rose, Bean und Cordy – wurden von ihrem Vater, einem Universitätsprofessor und Shakespearebesessenen, wie könnte es anders sein, nach Figuren aus Shakespeare’schen Dramen benannt.

Als bei ihrer Mutter Brustkrebs festgestellt wird, ereilt die drei der Ruf ihres Vaters heim zu kommen und dieser beizustehen.
Doch jede von ihnen erlebt im Moment ihr eigenes Drama und wird von diesem in die Zuflucht des elterlichen Hauses zurückgetrieben,
wobei sogar die Krankheit ihrer Mutter in den Hintergrund rückt …

Die drei Schwestern, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten, finden in ihrer Heimat, der Universitätsstadt Barnwell wieder zusammen, lernen sich nach Jahren gegenseitig und selbst neu kennen und verstehen.

Eine Familiengeschichte, eine Geschichte über Selbstsucht, Angst, Gier und den Wunsch geliebt zu werden, trotz aller Fehler, eingebettet in Zitate aus den Werken Shakespeares.

Eleanor Brown - Die Shakespeare-Schwestern
Insel Verlag; € 15,40
Michail Bulgakow - Der Meister und Margarita
Michael Gegenhuber - Filiale International

Nicht alles einstmals Große ist zeitlos, manche Klassiker haben es durchaus verdient mit der angemessenen Respektlosigkeit ignoriert zu werden. Man lebt schließlich nur 1-2 Mal. Umso sorgsamer gilt es mit den wirklich Interessanten umzugehen: schön gleichmäßig über die Lebensspanne verteilen, maximal eins pro Jahr. Was mich angeht war kürzlich die Zeit für "Meister und Margarita" gekommen... und, Hallelujah!, ich sage euch: was für ein Buch!! Eine Nacherzählung spar ich mir, man weiß ja so ungefähr Bescheid: der Teufel kommt nach Moskau und rüttelt mit allerlei Faxen die Genossen aus ihrer atheistischen Selbstgewissheit.
Nur so viel: ja, jetzt weiß ich warum das Buch vielen Russen als der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts gilt und ja, jetzt verstehe ich warum die zensurierten Passagen des ohnehin lang verbotenen Buches im Untergrund kursiert sind. Und selbst daß es Menschen gegeben haben soll die das Buch Wort für Wort auswendig konnten, auch das leuchtet mir jetzt ein.
Kaufen Sie dieses Buch, aber überlegen Sie sich gut wann Sie es lesen. Nur einmal wird es das erste Mal sein.

Michail Bulgakow - Der Meister und Margarita
Sammlung Luchterhand; € 10,30
Kluun - Mitten ins Gesicht
Franz Gewessler - Filiale Graben

"The times get tough, just getting tougher.
I've seen enough, don't wanna see anymore.
Turn out the light and block the door. Come on and cover me."

(Bruce Springsteen - Cover Me)

Stijn und Carmen sind ein junges, erfolgreiches Paar, Eltern eines Mädchens und führen ein scheinbar gutes Leben. Eines Tages wird Carmen hart getroffen: Diagnose Brustkrebs.
Stijn, ein notorischer Fremdgänger, versucht alles für seine todkranke Frau zu tun, flüchtet aber immer weiter aus seiner Beziehung zu ihr.
Bis zu dem Augenblick, als er zu erkennen glaubt, was tatsächlich zählt.

"Mitten ins Gesicht" ist ein gnadenloser und roher Roman, der den Leser hart trifft und in seinen Grundfesten erschüttert. Der Autor besticht nicht durch gewählte Sprache und Ausdrucksweise, sondern durch Ehrlichkeit und Offenheit.
Der Titel ist in diesem Fall tatsächlich Programm.

Im selben Atemzug ist auch die Fortsetzung zu empfehlen, die unter dem Titel "Ohne sie" (Fischer TB; € 9,20) erhältlich ist.

Kluun - Mitten ins Gesicht
Fischer TB; € 9,20
Amy Sackville - Ruhepol
Eugenie Straßer - Filiale Kärntner Straße

Der Titel weist schon darauf hin, dies ist ein ruhiger Roman.
Die Heldin tut nicht viel mehr, als in ihrem alten Familiensitz die Hinterlassenschaften ihres Urgroßonkels zu sichten, der als erster den Nordpol erreichen wollte, jedoch tragisch gescheitert und von seiner Expedition nicht zurückgekehrt ist. Sie streift in der Vergangenheit umher, denkt über die Frau des verhinderten Helden nach, die zu jahrelangem Warten auf ihren Mann verurteilt war und vergisst dabei fast die Gegenwart, in der ihr eigenes Leben auch nicht gerade rosig verläuft – ihr Ehemann ist hauptsächlich abwesend und gerät in Versuchungen, von denen sie nichts ahnt …
Obwohl das Buch am Schluss ein wenig langatmig wird, ist es doch fesselnd, wie die Autorin sich an ihre Geschichte herantastet, Überlegungen anstellt, was sich wann wie ereignet haben könnte und welche Alternativen es dazu gäbe. Die Schilderungen der missglückten Nordpolexpedition sind sehr genau und packend, und man könnte neidisch werden, wenn man die Heldin dabei begleitet, wie sie ihren Dachboden durchstöbert, der mit Relikten aus längst vergangenen Tagen vollgestopft ist.
Alles in allem ist Amy Sackvilles erster Roman vielversprechend und lässt auf weitere hoffen!

Amy Sackville - Ruhepol
Luchterhand; € 20,60
Ildiko von Kürthy - Mondscheintarif
Christine Stohl - Filiale Kärntner Straße

Kürthys Roman Mondscheintarif ist eine Liebesgeschichte ganz im Stil von Bridget Jones: Eine dickliche, sehr redselige Mitdreißigerin sucht nach Mr. Right und tritt dabei in alle erdenklichen Fettnäpfchen. So einfach die Handlung auch ist, so amüsant und sprachlich pointiert ist dieser Unterhaltungsroman. Eine Lektüre, bei der ich herrlich gelacht habe!

Ildiko von Kürthy - Mondscheintarif
Rowohlt; € 9,30
Ben Brooks - Nachts werden wir erwachsen
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße


Achtung! In diesem Buch werden Drogen verharmlost und verherrlicht! Der 20jährige Londoner Ben Brooks nimmt sich kein Blatt vor den Mund (außer es ist aus Hanf, haha) - auch wenn man bei manchen Passagen erstmal schlucken muss. Man trifft auf miese Eltern, vermeintliche Mörder und ungewollte Babys, wobei die jungen Leute im Buch manchmal Gefühle, meistens aber die schnelle Nummer suchen. Und weil die menschlichen Geschlechtsteile sowieso schon in jedem zweiten Roman als Schw*** und **tze bezeichnet werden, heißt es hier einfach Penis und Vagina...

Naja, und eigentlich geht es - neben dem ganzen Sex und den Partys - auch nur um einen Burschen, der einen Roman schreibt. Einer, der sich halt so seine Gedanken zu diesem und jenem macht, mit seinen Freunden zusammenhockt, die fernschaun, Computer spieln und sich gegenseitig verarschen. Die Dialoge wirken "echt", das hat man so oder so ähnlich schon mal in der Straßenbahn gehört. Letztlich bleibt bei diesem heftigen, aber witzigen Roman nur noch eine Frage: Wann kommt denn jetzt die Nacht, in der sie erwachsen werden?

Ben Brooks - Nachts werden wir erwachsen
Berlin Verlag; € 19,50
Erin Morgenstern - Der Nachtzirkus
Mandy Mezori - Filiale Kärntner Straße

Ein geheimnisvoller, magischer Zirkus, ein Abkommen zwischen zwei ewigen Konkurrenten, eine Liebesgeschichte die nicht sein darf, ein Kampf auf Leben und Tod, eine Geschichte, die nur so wimmelt von wunderlichen Gestalten, fantastischen Ideenexplosionen und einer Flut von Eindrücken- Leserherz, was willst du mehr?!
Erin Morgenstern schafft es dabei, ihrer Geschichte einen ruhigen Klang zu geben und genau das zu tun, was sie will: den (Leser-) Kopf auf eine träumerische Reise abseits des Alltags zu schicken.
Der Nachtzirkus hat mich verzaubert, verführt, verzückt. Dieser Roman ist wie ein Märchen für Erwachsene, geeignet für alle, die die Zeit des Geschichten-erzählt-bekommen vermissen.

Erin Morgenstern - Der Nachtzirkus
Ullstein; € 20,60
Frauke Scheunemann - Welpenalarm
Gabriele Grün - Filiale Schönbrunner Straße

Der lang erwartete dritte Teil zu den spassigen Abenteuern des kleinen frechen Dackels Herkules und seines besten Freundes, des intellektuellen Katers Herr Beck.
Innenansichten eines Haustiers:
Und wieder geht Herkules wichtigen Fragen auf den Grund: Gibt es den Weihnachtsmann ?
Offensichtlich schon, denn er steht an jeder Strassenecke.
Und was hat es mit den vier Kerzen auf sich, die die Menschen immer vor dem Weihnachtsfest anzünden ?
Warum ist dem Frauchen in der Früh nach dem Essen immer schlecht ?
Als Herkules und Herr Beck erfahren, dass das Frauchen nicht schwer krank ist, sondern ein Baby erwartet, reagieren sie sehr skeptisch auf diese Neuigkeit.
Zudem muss sich Herkules noch als Geburtshelfer betätigen, als es das Baby just am Friedhof plötzlich sehr eilig hat.
Damit nicht genug, ist auch die Freundin von Herkules, Cherie, trächtig, .....
Diesmal wird der ganze Hund gefordert.

Wer Wert auf eine wirklich witzige, charmante Tiergeschichte legt, ist mit diesem Buch gut beraten.
Wir können hoffen, dass bald weitere Abenteuer des kleinen Dackels folgen.

Frauke Scheunemann - Welpenalarm
Page & Turner , € 15,50
Lukas Hartmann - Räuberleben
Filiale Schönbrunner Straße

Mein kleines Frühjahrsprojekt – Räuberromane – ist nun mit Lukas Hartmanns neuestem Titel "Räuberleben" abgeschlossen. Dessen Hauptcharakter Hannikel ist im besten Gauneralter, von stattlicher Statur und hat Sippenprobleme mit denen auch gewisse Mafiabosse aus New Jersey vertraut sind. Räubertum ist Außenseitertum, nur bedingte Robin-Hood-igkeit aber immer (Aben) teuer. Dass es im Leben immer auch einen S.Holmes, Scooby Doo oder eben einen Oberamtmann aus Sulz gibt, der einem im späteren 18. Jhdt. das Leben spannend hält, ist in Hartmanns mal schwarzer, mal weißer, oft aber grauen Welt vielleicht die wichtigste Lektion.
Wieso jetzt aber Hartmann wo doch Schiller das Thema bereits zur Perfektion getrieben hat?
Weil wenn Goethe die Beatles sind und Schiller die Rolling Stones; die Beatles die Ärzte sind und die Rollings Stones wiederum die Toten Hosen, dann, ja dann hat Lukas Hartmann wohl eine Hosen-Ballade zum Thema Räuber gedichtet. Ich war nie Tote Hosen, Stones oder gar Goethe-Freund, Hartmanns "Räuberleben" aber ist bitte zu beachten!

Lukas Hartmann - Räuberleben
Diogenes; € 23,60
Andrea De Carlo - Sie und Er
Mandy Mezori - Filiale Kärntner Straße

Daniel und Clare lernen sich bei einem Autounfall kennen. Nicht nur, dass es romantischere Umstände gäbe sich kennen zu lernen, beide glauben sie auch nicht an die Liebe.
Während Daniel sich in einer Schreibkrise befindet und sich, vom Alkohol betäubt, in die eine oder andere Affäre stürzt, glaubt Clare, dass wenigstens Beziehungen ein wenig Sicherheit geben und auch wenn sie mit dem spießigem Anwalt Stefano nicht wirklich glücklich ist, hält sie doch vorerst an ihm fest.
So nüchtern beginnen nur die ganz großen Geschichten über das Gefühl der Gefühle: die Liebe.
Glaubhaft und beeindruckend beschreibt Andrea De Carlo die Stimmungsschwankungen der Protagonisten, so nachvollziehbar, ohne dass es langweilig wird und man will wissen, wie diese Geschichte ausgeht. Ein Roman für Alle, die ein verlängertes Wochenende unterhalten werden wollen, ein Roman für Alle, die nicht (mehr) an die Liebe glauben und ein Roman für Alle, die im Kopf eine Reise durch Mailand und Frankreich machen wollen und den Geschmack Liguriens auf der Zunge spüren wollen...ohne zu verreisen!

Andrea De Carlo - Sie und Er
Diogenes; € 23,60
Benjamin Stein - Replay
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Haben Sie sich schon mal vorgestellt, in Ihren Augen wäre eine Kamera, die alles mitfilmt, was Sie sehen?
Benjamin Stein, dessen Einfallsreichtum bereits im Roman "Die Leinwand" begeisterte, lässt diese (Wunsch- bzw. Horror-) Vorstellung in seinem neuen Buch Wirklichkeit werden. Ein Implantat ersetzt jegliche Form bisher dagewesener Telekommunikation: nicht nur, dass man damit (ohne Geräte mitnehmen zu müssen) telefonieren oder ins Internet kann, alles was man sieht kann außerdem durch das "Replay" wieder aufgerufen werden. Gerade diese Funktion birgt für die Protagonisten einiges an Suchtpotenzial in sich. Und so tragen schließlich 70% der Amerikaner das "UniCom" unter der Haut, während die, die sich dagegen verwehren in ihrer Anonymität als verdächtig gelten.

Erotisch aufgeladener, intelligenter Science Fiction - Roman, der in seiner Überwachungsthematik jedoch gar nicht so realitätsfern scheint.

Benjamin Stein - Replay
C.H.Beck; € 18,50
Franz Hohler - Die Rückeroberung
Michael Gegenhuber - Filiale International

Was wäre wenn sich die Natur unbeirrt & ohne Rücksicht auf Verluste eine mitteleuropäische Großstadt zurückerobert? Schön wäre das, zumindest als literarische Fiktion. Und nebenbei eine meiner ersten Leseerfahrungen mit "richtiger" Literatur (vor doch schon ein paar Jährchen): Franz Hohlers "Rückeroberung". Nach verschiedensten Ausgaben ist der Erzählband nun bei btb gelandet, ich sage: gleich wo, schön, dass er wieder erhältlich ist!

Franz Hohler - Die Rückeroberung. Erzählungen
btb; € 8,30
Albert Sánchez Piñol - Im Rausch der Stille
Kaspar Kausl - Filiale Praterstern

Der Roman erzählt die Geschichte eines irischen Freiheitskämpfers, der seinen Ausstieg aus dem Kampf sucht, indem er eine Stelle als Wetterbeobachter auf einer vermeintlich verlassenen Insel fernab aller Zivilisation und Verkehrswege im Südatlantik antritt. Dort trifft er auf Batís Caffó, der sich, seines Verstandes weitgehend beraubt, in einen Leuchtturm zurückgezogen hat. Der namenlose Protagonist bezieht schließlich seine kleine Wetterstation unweit des Leuchtturmes und richtet sich häuslich ein.Doch kaum ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, bricht das Grauen über ihn herein. Seltsame Chimären, teils Mensch, teils Fisch, greifen im Schutz der Dunkelheit seine Hütte an, mit letzter Not übersteht er die erste Nacht und macht sich am Morgen auf, um bei Batís Caffó in dessen Leuchtturm Schutz zu suchen.
Eine intelligente, dennoch irrwitzige Geschichte, die erstaunlich gelassen Fantasy und klassische Literatur verbindet und es auf einzigartige Weise schafft, Liebhaber beider Genres für sich zu gewinnen.

Albert Sánchez Piñol - Im Rausch der Stille
Fischer; 9,20€
Milena Michiko Flašar - Ich nannte ihn Krawatte
Martin Abel - Filiale Kärntner Straße

Eine neue österreichische Stimme in der Literatur! Die junge St. Pöltnerin Milena Michiko Flasar beschreibt in ihrem neuen Roman die Begegnung zweier unterschiedlicher Männer auf einer Parkbank in Japan. Klingt unspektakulär? Ganz und gar nicht: so reduziert der Rahmen, die Parkbank als Bühne, ist, so packend, sich langsam aus den Erzählungen der beiden entwickelnd, entsteht ein melancholischer, poetischer, manchmal auch beklemmender Roman, der einen von Anfang an in seinen Bann zieht. Von dieser Autorin werden wir (hoffentlich) noch viel mehr lesen!

Milena Michiko Flašar - Ich nannte ihn Krawatte
Wagenbach; € 16,90
Daniel Glattauer - Ewig Dein
Martina Wallner - Filiale Graben

Um bei diesem Wetter nicht in eine ausgewachsene Winterdepression zu verfallen, hilft meiner Meinung nach nur
eines - spannende, leichte Lektüre und eine bequeme Couch. Daniel Glattauers Geschichte einer Obsession beginnt in seinem gewohnt launigen, charmanten Tonfall und widmet sich auch diesmal seinem bevorzugten Thema, der Liebe.
Doch rasch wird klar, dass diese Liebesbezeugungen keine Schmetterlinge im Bauch bescheren und die Umarmungen bleischwer daherkommen. Auf subtile Weise entsteht das Bild einer immer verzweifelter werdenden Frau und eines Mannes, der nicht müde wird seine Zuneigung auf alle erdenklichen Arten zu beweisen.
Fazit: man hüte sich vor den besonders "Netten", denn nach der Lektüre diese Romans ahnt man, dass diese nicht zu unterschätzen sind. Ein Glattauer, der keinen Moment die Sehnsucht nach E-Mails aufkommen lässt und dennoch gerade deshalb seine LeserInnen nicht enttäuschen wird.
Lesen, eintauchen und der Depression entfliehen....!!!!

Daniel Glattauer - Ewig Dein
Deuticke; € 18,40
Paolo Giordano - Die Einsamkeit der Primzahlen
Christine Stohl - Filiale Kärntner Straße

Wenn ein Physiker über die Liebe schreibt, entstehen Bilder abseits aller Klischees.
Auch wenn Alice und Mattia nicht voneinander lassen können, so finden sie auch nie ganz zueinander.

Anfangs unterhaltsam geschrieben, zeichnet der Roman immer mehr das Leben zweier Einzelgänger nach, die an ihren Schicksalsschlägen zu zerbrechen drohen. So ungewöhnlich wie die Charaktere dieses traurigen Romans ist auch die Metaphorik, der sich der Autor hier bedient. Eine tolle Sprache, eine tragische Geschichte mit witzigen Passagen zwischendurch und viel Sinn für das Unaussprechliche zwischen den Zeilen.

Paolo Giordano - Die Einsamkeit der Primzahlen
Heyne; € 9,30
René Goscinny, Jean-Jacques Sempe - Der kleine Nick
Gabriele Grün - Filiale Schönbrunner Straße

Längst ein Klassiker und mit  "Tom Saywers - Abenteuer"  und den  "Lausbubengeschichten" des Ludwig Thoma gemeinsam zitiert.
Die Streiche und Lausbübereien des kleinen Frechdachses Nick und seiner Klassenkameraden sind immer wieder lesenswert.
Auch das oftmalige Dilemma der  Erwachsenen, der Lehrer,  der Nachbar, mit dem der Vater immer im Clinch liegt, ein ehemaliger Schulkollege des Vaters, der zu Besuch kommt und sich als Angeber erweist, ... wird hier humorvoll dargestellt und  beleuchtet.
Zum Schmunzeln und geeignet für Muße - Stunden.

René Goscinny, Jean-Jacques Sempe - Der kleine Nick
Diogenes;  €  8,20
Herman Koch - Sommerhaus mit Swimmingpool
Thomas Seidl - Filiale Kärntner Straße

Die Arztpraxis von Marc Schlosser läuft gut, die Spezialisten im Krankenhaus begegnen ihm aber mit einer gewissen Überheblichkeit. Ein einfacher Hausarzt, was weiß der schon? Vergisst sogar, eine entnommene Gewebeprobe einzuschicken. Oder ist sie verloren gegangen? Der betroffene Patient ist der bekannte Schauspieler Ralph Meier, ein ungehobelter Mensch, der Frauen als ein Stück Fleisch betrachtet, das er sprichwörtlich verschlingen möchte. Marc, eigentlich extrem misanthropisch eingestellt, quartiert sich dennoch mit Frau und Töchtern im Ferienhaus der Familie Meier ein - Ralphs Ehefrau spielt bei dieser Entscheidung eine gewisse Rolle. Dann allerdings geschieht etwas Ungeheuerliches, und nichts ist wie zuvor.

Was ist einem, von Grund auf unsympathischen, Mann zuzutrauen? Und wie weit kann ein Arzt, ein Mensch, gehen, wenn seine Welt allzu heftig erschüttert wird?

Nach dem großartigen Roman "Angerichtet" das nächste fesselnde Buch vom Holländer Herman Koch, der es versteht, seine Leser in die Tiefen der menschlichen Seele zu ziehen.


Herman Koch - Sommerhaus mit Swimmingpool
Kiepenheuer & Witsch; € 20,60
Hera Lind - Der Überraschungsmann
Gabriele Grün - Filiale Schönbrunner Straße

Nichts ist so, wie es zunächst scheint, ....
Eine gut situierte Familie, gut verdienender und liebevoller Ehemann, zwei hübsche Töchter, ein netter Freundeskreis, ...
Was kann sich frau mehr wünschen ?!?

Man möchte Barbara beneiden, doch dann blickt man hinter die Fassade, und nicht nur der ahnungslosen Barbara, auch der Leserin zieht es den obligatorischen "Boden unter den Füssen" weg, ....
Der angeblich so treue und "handzahme" Ehemann entpuppt sich als Frauenheld und pathologischer Lügner, der die Menschen in seiner Umgebung zu manipulieren versteht.
Immer wenn man glaubt, JETZT kennt man die Wahrheit, kommt noch mehr, ans Tageslicht, frau möchte am liebsten ins Buch hineinspringen und diesen Mann ein bißchen würgen.

Manchmal wundert frau sich aber auch darüber, wie naiv Barbara (fast bis zuletzt) an ihrer kaputten Ehe festhält, immer wieder den Beteuerungen ihres Mannes Glauben schenkt.
Und frau hofft mit Barbara, dass sich am Ende für sie alles zum Guten wendet und sie jemanden findet, der ihre seelischen Wunden heilt.
 
Ein typischer Frauenroman, manchmal etwas kitschig, aber interessant geschrieben.
 
Hera Lind - Der Überraschungsmann
Diana,  € 18,50
Joey Goebel - Freaks
Christina Steinpruckner - Filiale Schönbrunnerstraße

Eine Gruppe von Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Ein Afghane der Amerika verehrt, ein Schwarzer dessen Brüder ständig in Drogengeschäfte und Schießerein verwickelt sind, ein kleines Mädchen, dass die Welt hasst, eine alte Frau die gerade erst in der Blüte ihres Lebens steht und eine wunderschöne junge Frau, auf der Suche nach sich selbst.
Alle haben sich zusammengeschlossen um eine neue Superband zu gründen. Auf dem Weg dorthin werde ihnen viele Steine in den Weg gelegt, die sie mit viel Humor und bösen Sprüchen beseitigen können. Ihren Traum von einer Band erreichen sie, doch erwartet sie noch eine Überraschung, mit der man nicht gerechnet hätte.

Joey Goebel - Freaks
Diogenes; € 9,20
Nick Hornby - A Long Way Down
Christina Steinpruckner - Filiale Schönbrunnerstraße

Vier Menschen die sich, unabhängig von einander, zu Silvester auf dem Dach eines Hochhauses treffen. Ihr Ziel ist es, dem Leben ein Ende zu bereiten. Doch es ist gar nicht so leicht sich vor Fremden umzubringen. Die Vier kommen ins Gespräch und verlassen das Dach mit dem Vorhaben, sich regelmäßig zu treffen, um sich gegenseitig bei den bis dahin angehäuften, sowie neu dazu gewonnenen Problemen zu helfen.
Mit viel Witz und Schwarzem Humor gelingt es Nick Hornby zu zeigen wie schön das Leben eigentlich sein kann, auch wenn es nicht immer den Anschein hat.

Nick Hornby - A Long Way Down
Droemer; € 10,30
Jon Stefansson - Himmel und Hölle
Katja Leo - Filiale Graben

Liebe und Einsamkeit, Freundschaft und Verlust, die tödliche Kälte des Eismeeres und die lebensstiftende Wärme von Familie, Freunden und Literatur – es ist gar nicht so wichtig welche (schöne und berührende) Geschichte Stefansson erzählt, sondern wie.

Es kommt wunderbarerweise häufig vor, dass ich besonders schöne Sätze öfter lese, 2-3mal, um sie zu erfassen und ihren Klang zu genießen. Allerdings ist mir das noch nie so oft passiert wie bei diesem Buch.

Die Lektüre dauert somit zwar länger, ist aber auch ein besonderer Genuss.

Jon Stefansson - Himmel und Hölle
Reclam; € 19,50
Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe
Silvia Panholzer - Filiale Perg

Inge Lohmark ist Biologie Lehrerin an einem Gymnasium das wegen Schülermangel geschlossen werden soll. Sie ist streng und in gewisser Weise gerecht. Die Sprache in diesem Buch schafft eine ungewöhnliche Stimmung beim Leser. Kurz prägnant exakt, ohne große Gefühlsduselei, es ist einfach so wie es ist, so ist es halt in der Biologie. Alles hat seine Bestimmung! Manchmal erinnert sich Inge, aber nur kurz, da wird sie Privat.
Meine persönliche Meinung, Inge ist traurig und enttäuscht vom Leben, aber am besten sie lassen sich selber ein auf dieses Buch, und entscheiden selber über Inges Zustand!

Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe
Suhrkamp; € 22,60
T. C. Boyle - Grün ist die Hoffnung
Silvia Panholzer - Filiale Perg

Eigentlich schon ein Klassiker.
Dieses Buch hat viel Witz, Dramatik und eine kleine Liebesgeschichte.

Fünf junge Männer glauben das Grosse Geld zu machen. Wie?
Cannabis pflanzen.
Doch das hat seine Tücken, nicht viel läuft wie geplant.
Ein neugieriger Nachbar, ein Polizist, Wetter welches nicht mitspielt und Knochenharte Arbeit, um nur einiges zu nennen.

Für mich war es wirklich gute Unterhaltung, bei der man auch mal lachen kann.

T. C. Boyle - Grün ist die Hoffnung
DTV; €10,20
Jonas Jonasson - Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
Ferdinand Stiller - Filiale Rohrbach

Allan Karlsson verschwindet kurz vor den Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag aus dem Altersheim. Da er einen Koffer mitgehen lässt, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Presse und Polizei sind hinter ihm und seinen Freunden her, wie auch der Besitzer des Koffers.

Obwohl sich Allan nicht für Politik interessiert, wird er in die Weltgeschichte involviert (zwischen 1905 – 2005).

Jonas Jonasson gelingt es, eine durchgehende Spannung mit viel Witz und Fantasie aufzubauen; es ist ihm zu wünschen, dass auch er mit 100 Jahren noch so agil ist wie sein Protagonist im Roman.

Jonas Jonasson - Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
carlsbooks; € 15,50